Sport : Schwitzen reicht nicht

Andre Görke

Berlin. Langsam kullerte die Schweißperle von der Stirn hinab, blieb einen Augenblick an der Nasenspitze hängen und tropfte dann in den Schaumstoffmantel des orangefarbenen ZDF-Mikrofons. Der Berliner Zweitligist 1. FC Union hatte gerade das Uefa-Cup-Hinspiel gegen Liteks Lowetsch 0:2 verloren, da zog ein Reporter Ronny Nikol vor die Kamera. Unions Mittelfeldspieler schwitzte derart, dass das Mikrofon nach dem Interview später vermutlich ausgewrungen werden musste.

Der 1. FC Union hatte am Donnerstagabend zumindest gekämpft. Spielerisch aber war es zu wenig, sagt Trainer Georgi Wassilew. Lowetsch ist Bulgariens amtierender Pokalsieger, vor drei Jahren war der Klub zuletzt Landesmeister geworden. Der Klassenunterschied war deutlich. "Sie gehen aber nur in Führung, weil wir einen schweren Fehler begehen", sagt Wassilew. Er hatte unmittelbar nach Schlusspfiff seinen Torhüter Sven Beuckert kritisiert, der beim Führungstor der Bulgaren schlecht aussah. Yosifow Bornosuzow hatte aus 25 Metern abgezogen, der Ball setzte kurz vor Beuckert auf und sprang vom Innenpfosten ins Tor. Bei der 0:4-Niederlage gegen Frankfurt am vergangenen Wochenende hatte Beuckert das dritte Gegentor verschuldet, als ihm im Strafraum der Ball vom Fuß genommen wurde. "Ich weiß nicht, was mit ihm los ist", sagt Wassilew. "Beuckert befindet sich in einer kritischen Situation, doch ein Torwartproblem haben wir nicht. Es haben auch andere schlecht gespielt."

Union hat mit 23 erzielten Toren den zweitstärksten Angriff der Zweiten Liga. Sreto Ristic traf allein sechsmal, fünf Tore erzielte Sturmpartner Harun Isa. Mittelfeldspieler Kostadin Widolow hat bereits vier Tore geschossen. Der 1. FC Union war in der Offensive bisher schwer auszurechnen. Mit Bozo Djurkovic und Ferdinand Chifon sitzen noch zwei starke Spieler auf der Bank. Gegen Lowetsch und Frankfurt aber hat Union kaum über die Außenbahnen gespielt, Ristic hatte in beiden Spielen nicht eine Torchance. Der jugoslawische Stürmer braucht Flanken - die in beiden Spiele nicht kamen. Genauso wenig wie gut getretene Eckbälle. Dennoch sagt Wassilew: "Ristic hat zu passiv gespielt." Auswechseln konnte er ihn nicht, da es zu Ristic keine Alternative gibt. Djurkovic fällt einige Wochen wegen Achillessehnen-Problemen aus, gegen Lowetsch hat sich nun auch Chifon verletzt. "Er hat einen Schlag gegen das rechte Knie bekommen, eine leichte Innenbanddehnung. Vielleicht ist er gegen Bielefeld wieder fit", sagt Unions Mannschaftsarzt Torsten Dolla. Zwei Stürmer, die plötzlich nicht mehr treffen und zwei Stürmer, die verletzt sind. Auf einmal ist Union leichter auszurechnen.

Seit einigen Wochen fordert Wassilew einen weiteren Angreifer. "Vom Spielertyp her wie Ristic", sagt er. Zuletzt hatte der Bulgare zudem noch über eine Verstärkung in der Defensive nachgedacht. Täglich gehen Angebote und Videos über vermeintliche Stars ein, berichtet Unions Manager Klaus Berge. "Wir haben durch die Einnahmen aus dem Europapokal ein paar Mark mehr im Tresor. Harakiri wird es bei uns aber nicht geben." Echte Verstärkungen müssten es sein, für Ergänzungsspieler werde kein Geld ausgegeben, sagte Unions Präsident Heiner Bertram vor einigen Tagen.

Der Klub kehrt langsam zur Realität zurück. "Die vergangenen Tage haben uns gezeigt, wo wir stehen und welche Fehler wir noch machen", sagt Wassilew. Im Rückspiel am 30. Oktober müsste Union mindestens drei Tore schießen, um die dritte Runde zu erreichen. "Wir werden anders spielen, offensiver", sagt Wassilew. "Aber es geht für uns nicht um Leben oder Tod."

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