Schwule Fußballer : „Manche steigen betont hart ein“

Tatjana Eggeling betreut schwule Bundesliga-Profis. Ein Gespräch über Leidensdruck und Versteckspiele.

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Foto Mike Wolff

Frau Eggeling, seit fünf Jahren forschen Sie über Homophobie im Fußball. Seit kurzem beraten Sie auch homosexuelle Profis. Spielen die in der Ersten Bundesliga?

Ja.

Wie kamen die auf Sie?

Jemand, der diese Profis kennt und dem sie vertrauen, gab ihnen meine Nummer. Ich bin durch meine Arbeit in der Szene bekannt.

Und was erwarten diese Profis von Ihnen?

Sie suchen einen Weg, wie sie ihren Leidensdruck verringern können. Schwule Fußballer leben unter einem immensen Druck, weil sie sich nicht offenbaren dürfen. Irgendwann wird der Druck fast unmenschlich.

Stehen diese Spieler vor dem Karriereende? Dann wären die Folgen ja möglicherweise überschaubar.

Nein, sie denken nicht ans Aufhören. Aber sie spüren immer stärker, dass sie nicht so gut spielen, wie sie es könnten. Das ist die Folge des Leidensdrucks.

Wollen die sich deshalb nun outen?

Das lässt sich so nicht sagen. Einige würden sich das wünschen, für andere bleibt es trotz allem ausgeschlossen. Doch es geht zunächst darum herauszufinden, was ein solcher Schritt für sie bedeuten kann. Für alle gilt, dass sie ihre aktuelle Situation für schwer erträglich halten.

Was bedeutet das konkret? Wie sehr werden sie bei ihrem Job damit belastet?

Sie bemühen sich extrem, als heterosexuell zu gelten. Das bindet unwahrscheinlich viel Energie. Und diese Energie fehlt in der Vorbereitung und im Spiel.

Haben die Profis mal konkret geschildert, wann sie versagt haben?

Konkret nicht. Aber sie erzählen von Verletzungen, die sie sich holen, weil sie sich nicht so gut aufs Spiel konzentrieren können.

Und weil sie im Zweikampf besonders den starken Mann markieren?

Ja, klar. Einige steigen betont sehr hart ein, um als echter Mann zu gelten.

Haben diese Spieler in ihren Vereinen denn keine Vertrauensperson?

Nein. Denn je näher eine solche Vertrauensperson am Profifußball ist, umso größer ist die Gefahr, entdeckt zu werden.

Was befürchten denn die Profis, wenn sie entdeckt würden?

Sie könnten von den eigenen Fans ausgelacht und von denen des Gegners beleidigt und geschmäht werden. Zudem könnte ihr Marktwert sinken, weil zukünftige Arbeitgeber gar keine schwulen Fußballer einstellen wollen oder sie für weniger belastbar als heterosexuelle Profis halten. Die Spieler haben aber auch Angst, dass sie nur noch auf der Bank sitzen oder, schlimmer noch, als Nestbeschmutzer gelten und aus dem Verein fliegen. Und sie fürchten, dass ihnen nach einer Entdeckung alle möglichen Leute die Bude einrennen: die Fans, die Medien; Leute, die ihren Schritt begrüßen oder Leute, die aus voyeuristischem Interesse jedes Detail ihres Lebens ans Licht ziehen wollen.

Wissen die Menschen im direkten Umfeld der Profis, dass diese homosexuell sind?

Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Aber mir ist bekannt, dass homosexuelle Fußballer durchaus psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Zu welchem Zweck?

Sie erfahren, wie sie mit dem Versteckspiel am besten klarkommen. Für diese Menschen geht es um die Frage: Wie schaffe ich es, mich 24 Stunden am Tag zu verstellen, ohne kaputtzugehen?

Hatten diese Spieler mal das Gefühl, sie stünden kurz vor einem unfreiwilligen Outing?

Jeder schwule Spieler, der versteckt lebt, hat dieses Gefühl, egal ob es dafür einen Anlass gibt oder nicht. Es ist immer da, weil die Spieler schon in der F-Jugend gelernt haben, dass Fußball und Homosexualität nicht zusammenpassen.

Wie läuft denn dann ein persönliches Treffen zwischen Ihnen und den Profis ab?

Ich richte mich nach dem Spieler. Je bekannter einer ist, umso verschwiegener muss der Treffpunkt sein.

Ein Bundesligaspieler lebt in einer grellen Medienwelt. Sein Leidensdruck müsste demnach größer sein als der eines unauffälligen Regionalligaspielers.

Ich kann es mir vorstellen. Je mehr jede Bewegung beobachtet wird, umso enger legt sich die Schlinge um den Hals eines schwulen Spielers. Bei der WM sind ja sogar die Frauen der Spieler auf der Tribüne gezeigt worden. Tenor: Das ist die Frau von dem, die andere gehört zu jenem, der hat soundsoviele Kinder und so weiter.

Der Gedanke liegt nahe, dass eine attraktive Spielerfrau in Wirklichkeit eine Hostess ist, die zum Beispiel für einen Galaabend gebucht wurde, damit ein schwuler Profi nicht auffällt.

Natürlich sind manche Frauen Hostessen. Es gibt viele Anlässe, bei denen man mit einer Begleiterin auftauchen sollte. Da wird dann eine Hostess gebucht oder eine Bekannte gefragt. Längere Zeit ohne Begleiterin aufzutauchen, das geht für einen homosexuellen Spieler nicht.

Buchen schwule Spieler auch Callboys?

Ich kenne solche Fälle, aber die sind schon länger her.

Neben Ihnen betreut auch die transsexuelle Schiedsrichterin Marie Karsten homosexuelle Bundesligaspieler. Sind die Erfahrungen von Ihnen identisch?

Ja. In allen Fällen baut sich der Leidensdruck über längere Zeit auf. Wir reden da von Jahren beziehungsweise Jahrzehnten. Möglicherweise hat der Spieler schon vor der Pubertät gemerkt, dass er anders ist und anders empfindet. Wenn ein Jugendlicher gefoult wird und heult, was bekommt der zu hören: Du Weichei. Damit lernt ein Betroffener sehr schnell, dass Fußball und Schwulsein nicht zusammengeht.

Schwule erkennen andere Schwule ziemlich schnell. Haben Sie von einem Spieler mal gehört, er wisse, dass ein Kollege ebenfalls schwul ist?

Nein. Die Fassade ist so perfekt, dass sie sich nicht erkennen.

Erwin Staudt, der Präsident des VfB Stuttgart, eröffnet in diesem Jahr den Christopher Street Day in Stuttgart. Ist das ein Hoffnungszeichen für schwule Profis?

Ja, erstmal schon. Andererseits verstärkt es natürlich den Leidensdruck. Ein schwuler Fußballer sagt sich: Ist ja toll, dass der Staudt das macht. Aber ich hab’ nichts davon. Ich kann ja bei der Parade nicht mitgehen.

Ist so ein Auftritt dann Zeichen von Heuchelei? Beim VfB Stuttgart würden die Probleme bei einem Outing vermutlich ja nicht anders sein als bei anderen Klubs.

Nein, ich nehme dem VfB und Staudt ab, dass er das ernst meint. Der Verein arbeitet zum Beispiel mit den „Stuttgarter Jungxx“ zusammen, dem ersten offiziell anerkannten lesbisch-schwulen Fanklub des VfB. Es gibt auch Überlegungen, schwulenfeindliche Äußerungen im Stadion zu sanktionieren. Denkbar sind Geldstrafen oder sogar Stadionverbote.

Geldstrafen wegen homophober Auftritte sind in England schon Alltag. Gehen Bundesligaklubs ähnlich konsequent vor?

Bis jetzt noch nicht. Aber bei einigen Vereinen wird sehr intensiv darüber nachgedacht, bei Hertha BSC zum Beispiel.

Warum zögern die Vereine noch?

Weil in Führungsetagen Funktionäre sagen: Schwule haben im Fußball sowieso nichts zu suchen, und außerdem: Im Fußball geht’s halt ruppig zu. Die haben kein Gespür dafür, wie menschenunwürdig solche Sprüche sind. Sie sehen nicht, dass es nichts anderes ist, als einen schwarzen Spieler mit Bananen zu bewerfen.

Das Gespräch führte Frank Bachner.

Tatjana Eggeling, 45,

hat Empirische Kulturwissenschaften studiert. Seit fünf Jahren befasst sie sich intensiv mit dem Thema „Homosexualität und Fußball“. Tatjana Eggeling lebt in Berlin.

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