Sport : Schwung für ein neues Leben

Der ehemalige Tennisspieler Scott Draper hat zum ersten Mal ein Golfturnier gewonnen – Sport war ihm schon immer eine wichtige Stütze

Alexander Hofmann[Sydney]

Scott Draper hat nicht nur einen erstaunlichen sportlichen Wandel vollzogen, sondern einen noch viel erstaunlicheren Lebenswandel. Der ehemalige Tennisspieler hat gerade in Wales sein erstes Profiturnier gewonnen – als Golfer. Seine neue Sportart hat Draper möglicherweise sogar das Leben gerettet, denn mit seinen 32 Jahren hat er schon schwerere Zeiten hinter sich als viele andere Menschen in ihrem ganzen Leben.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Draper wurde in Brisbane in eine sportliche Familie hineingeboren und zeigte schon früh erstaunliches Talent beim Tennis. 1992 gewann er den Juniorentitel im Doppel in Wimbledon. Lange Zeit galt er als genial, aber schwankend. Was kaum jemand wusste: Draper litt unter einer psychischen Krankheit, einem so stark ausgeprägten Ordnungszwang, dass es ihn drei Stunden kostete, bevor er ins Bett gehen konnte, weil er immer noch einmal kontrollieren musste, ob seine Sachen auch ordentlich im Schrank lagen. „Die Krankheit bestimmte mein Leben total“, berichtete Draper viele Jahre später in einem Interview, „ich hatte Angst, mich zu übergeben und Angst davor, dass Gott mich bestrafen würde, wenn ich bestimmte Sachen nicht machen würde, ich war total durchgeknallt.“ Eines Tages beschloss Draper von einem Moment auf den anderen, sein krankes Verhalten abzustellen. Er schaffte es tatsächlich – Psychologen halten das für beinahe unmöglich.

Der nächste und noch schlimmere Schicksalsschlag stand noch bevor. Der Tennisspieler hatte die Liebe seines Lebens kennengelernt und früh geheiratet – doch seine Frau litt unter einer unheilbaren Krankheit. Nächtelang verbrachte Draper an ihrem Bett und in Krankenhäusern, manchmal raste er direkt vom Krankenbett auf den Platz. Ausgerechnet in dieser Zeit erreichte er seine beste Position in der Weltrangliste, Platz 42.

1999 starb Scott Drapers Frau. Draper war im Alter von nur 26 Jahren schon Witwer. Er stürzte in ein dunkles Loch, fast zwei Jahre gab er sich der Trauer hin. Einziger Lichtblick in seinem Leben war in dieser Zeit das Golfspiel. Von ihm selbst zuerst unbemerkt, wurde Golf zur Therapie, weil der Perfektionist Draper sich so sehr auf den Sport konzentrierte, dass er wenigstens die Stunden auf dem Golfplatz seine Trauer vergaß. Ähnlich wie bei seiner eigenen Krankheit machte er zum zweiten Mal in seinem Leben einen radikalen Schnitt, Draper verkaufte das Haus, in dem er nach dem Tod seiner Frau mit den Schwiegereltern gewohnt hatte.

Draper widmete sich wieder dem Tennis, musste aber zwischenzeitlich wegen einer hartnäckigen Knieverletzung aussetzen. In dieser Zeit stand er erneut häufig auf dem Golfplatz und entschloss sich – mehr aus einer Laune heraus – bei einem Qualifikationsturnier mitzuspielen. Völlig überraschend gewann er auf Anhieb die Tour Card für Australien. Von diesem Zeitpunkt an spielte Draper sogar gleichzeitig professionell Golf und Tennis, wie 2005, als er am selben Tag bei einem Golfturnier ab- und bei den Australian Open aufschlug. Im Golf verpasste er zwar den Cut, im Mixed beim Tennis gewann er aber mit Landsfrau Samantha Stosur die Australien Open. Ein Jahr später musste er wegen gesundheitlicher Probleme seine Tenniskarriere endgültig beenden.

Nun will Draper sich seiner Golfkarriere widmen. „Ich hoffe, ihr werdet eines Tages frühmorgens aufstehen, um mich in Amerika spielen zu sehen“, sagt Draper. Dann müsste das Drehbuch für den Film über sein Lebens noch einmal umgeschrieben werden. Daran wird nämlich schon gearbeitet. Verschiedene Produktionsgesellschaften haben Interesse, die „Scott-Draper-Story“ als Hollywoodfilm auf die Leinwand zu bringen.

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