Sebastian Brendel : Am Steg des Erfolgs

Wer als junger Kanufahrer in Potsdam aufgenommen wird, gewinnt vielleicht Olympiagold. Ein Ortstermin.

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Brandenburger Goldwasser. Sebastian Brendel hat hier alles mitbekommen, was er brauchte, um Olympiasieger im Einer-Canadier zu werden. Foto: dpa
Brandenburger Goldwasser. Sebastian Brendel hat hier alles mitbekommen, was er brauchte, um Olympiasieger im Einer-Canadier zu...Foto: dpa

Die drei Frauen winken schon, dabei ist von Sebastian Brendel erst die Silhouette zu erkennen. Seine breiten Schultern, die muskulösen Oberarme, der aufrechte Gang. Brendel ist auf dem Gelände am Potsdamer Luftschiffhafen nicht der Einzige, auf den diese Beschreibung zutrifft, hier am Olympiastützpunkt sind fast alle breitschultrig und muskulös. Aber wahrscheinlich würden die Frauen ihn auch noch erkennen, wenn er in einer Gruppe kraftstrotzender Muskelmänner den Weg entlang käme.

„Unseren herzlichsten Glückwunsch. Wir haben am Fernseher mitgezittert. Wie geht es dir? Hast du das alles schon verarbeitet? Ist das nicht ein wahnsinnig tolles Gefühl?“ Fragen über Fragen, als sich die Wege kreuzen. Brendel bleibt stehen. Er nimmt sich Zeit, antwortet geduldig. Gespräche dieser Art muss er gerade häufiger führen. Es macht ihm nichts aus. Im Gegenteil, er genießt die Popularität. Vor drei Wochen wurde Sebastian Brendel in London Olympiasieger im Einer-Canadier, seitdem kommt es schon mal vor, dass ihn Fremde auf der Straße ansprechen. Etwa wenn er mit seiner Freundin und der zwei Jahre alten gemeinsamen Tochter in einem Café in Potsdam sitzt.

Die Frauen sind keine Fremden. „Meine alten Erzieherinnen“, sagt er, als die Gruppe außer Hörweite ist. Sie kennen ihn, seit er vor zwölf Jahren aus seiner Heimatstadt Schwedt nach Potsdam übersiedelte. Es heißt, wer es bei den Kanuten zu etwas bringen will, muss hierher kommen, an den Bundes- und Landesstützpunkt, zum Kanu-Club Potsdam.

Bei den Olympischen Spielen von London stammten mit Sebastian Brendel, Kurt Kuschela, Peter Kretschmer und Franziska Weber vier Goldmedaillengewinner im Kanu vom KC Potsdam. Sie alle wurden hier ausgebildet, sind auf die Sportschule gegangen, haben unzählige Stunden auf dem Templiner See zugebracht, bis abends die Arme, die Beine brannten und der ganze Köper schmerzte. In Potsdam trainiert nicht irgendwer, hier trainiert die Elite. Alles ist auf das Ziel ausgerichtet, irgendwann einmal Olympiasieger zu werden und es den Erfolgreichen gleichzutun. Seit 1992 haben Kanuten des KC Potsdam siebzehn olympische Goldmedaillen geholt.

„Niemand kommt zufällig hierher“, sagt Ralph Welke. Der Mann mit dem stattlichen Bauch und den weißen Haaren sitzt auf einer Bank und schaut aufs Wasser. Hinter ihm im Schuppen stapeln sich die verschiedensten Boote, Canadier-Einer oder Mehrsitzer, dazu Kajaks. Zusammen besitzen sie einen Wert im fünfstelligen Eurobereich. Seit der Landesleistungsstützpunkt Kanu-Rennsport in Potsdam 1990 gegründet wurde, ist Welke dessen Leiter. In den siebziger Jahren saß er selbst im Kanu, ist zu DDR-Zeiten Rennen gefahren. Damals noch für den ASK Potsdam, den Vorgänger des Kanu-Clubs.

Welke sagt: „Wir haben ein Sichtungs- und Sportschulsystem, das an Effizienz seinesgleichen sucht.“ Zum Vergleich nennt er Nordrhein-Westfalen, Hochburg des westdeutschen Kanusports. Dort sei alles in Vereinen organisiert, „jeder macht dort sein eigenes Ding“, sagt Welke. „Wir haben viel weniger Vereine als in NRW, sind aber besser organisiert“. Er erklärt: „In Brandenburg gibt es sechs Landesstützpunkte, die direkt an Vereine gekoppelt sind. So wie hier in Potsdam. Wir sind untereinander in ständigem Kontakt. Ragt ein Kind in seinem Verein besonders heraus, wird es von uns zum Sichtungslehrgang eingeladen.“

Dann muss es zeigen, was es kann, und Welke überzeugen. Der 52-Jährige gehört der Einschulungskommission an, er entscheidet im April jedes Jahres mit darüber, welche Kinder im Sommer auf die Sportschule nach Potsdam wechseln dürfen. Für die, die es schaffen, beginnt im Juli oder August der Alltag mit Schule und Sport. Von Montag bis Freitag immer das gleiche Programm. Training. Schule. Training. Je nach Saisonphase. Die Jüngsten sind zwölf Jahre alt, so wie Sebastian Brendel damals, als er nach Potsdam kam. In der siebten Klasse geht es los. Dann heißt es: aufstehen gegen sieben Uhr, ab acht Schule bis zum Nachmittag, danach Training. Abends Hausaufgaben. Die Älteren trainieren auch schon vor dem Unterricht. Etwa im Kraftraum, der dem Bootsschuppen angeschlossen ist. Oder in einem Gerät, das die Strömung eines Flusses simuliert. Weltweit gibt es nur zwei davon. In Potsdam und in China.

Die Anlage befindet sich nur zwei Minuten Fußweg vom Internat entfernt, an dem Sebastian Brendel beim Rundgang vorbeikommt. „Da werden Erinnerungen wach“, sagt er, als er vor dem Gebäude steht. Ein trister Block, außen bröckelt der Putz. „Sieht nicht prunkvoll aus, aber es erfüllt seinen Zweck“, sagt Brendel. Ehe er sich mit sechzehn Jahren die erste eigene Wohnung nahm, hat er hier mit den anderen gewohnt, im Internat direkt hinter dem Bootsschuppen. Kleine Zimmer. Gerade genug für zwei Personen. Die Kinder lernen in dieser Umgebung, sich zu arrangieren, Kompromisse einzugehen. Verwöhnt wird niemand. „Charakterschulung“ nennt Welke das.

Gegenüber, eine Fußminute entfernt, liegt die Schule. „Wer zu spät kommt, braucht eine gute Ausrede. Der Bus kann es jedenfalls nicht gewesen sein“, sagt Brendel. Er muss lachen. Der Olympiastützpunkt ist ein eigener Kosmos. Internat. Schule. Cafeteria. Sportstätten. Eine Stadt am Stadtrand von Potsdam, B2 Richtung Werder. Von der Zeppelinstraße gelangt man leicht auf das Areal am Luftschiffhafen, die Einfahrt ist nicht verschlossen. Keine Schranke, die behindert. Kein Wärter, der einem den Zutritt oder das Hinausgehen verweigert. Trotzdem verlassen all die Ruderer, Kanuten, Handballer, Turner oder Leichtathleten nur selten das Gelände. „Der Tag ist straff organisiert, Freizeit bleibt kaum“, sagt Brendel. Und wenn doch mal nichts zu tun ist, bleiben viele trotzdem einfach da.

So wie jetzt an diesem Tag Ende August. Die Saison der Kanuten neigt sich dem Ende entgegen, es geht locker zu. Am Steg haben sich Jungen und Mädchen versammelt. Das tägliche Training ist ihnen anzusehen, ihre durchtrainierten Körper spiegeln sich bei dem sonnigen Wetter auf der Wasseroberfläche. Einige baden, andere probieren Boote aus, in denen sie normalerweise nicht fahren. Etwa die Kajakfahrer den Canadier, oder umgekehrt. Ein Mädchen, etwa 15, setzt sich in ein Kajak. Sie legt ab – und kippt sofort um. Die anderen lachen. Ein Junge, deutlich jünger, saust mit einem Affenzahn auf dem Wasser an der Gekenterten vorbei. Das Mädchen klettert auf den Steg – und versucht es sofort wieder. „Ehrgeiz ist eine fundamentale Charaktereigenschaft“, sagt Welke und meint: Man muss Kanute aus Leidenschaft sein. Reich wird dadurch niemand.

Auch Sebastian Brendel nicht. Seit Montag kommt er wieder seiner Ausbildung bei der Bundespolizei nach. Viele ehemalige Olympioniken arbeiten dort nach ihrer sportlichen Karriere. Brendel hat bis dahin noch Zeit, er ist 24 Jahre alt, die Spiele in Rio de Janeiro will er auf jeden Fall noch bestreiten. Angekommen am Bootsschuppen sagt er: „Ich bin dann 28, das ist für einen Kanuten noch ein gutes Alter.“

Dann schaut Sebastian Brendel Richtung Wasser. Dort, wo sich seine künftigen Nachfolger schon bereit machen.

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