Sebastian Vettel : "Mein Weg endet nicht mit dem Titel"

Sebastian Vettel ist der neue Formel-1-Weltmeister. Er erzählt, wie alles begann, und erklärt, warum er das Rasen so liebt.

Sebastian Vettel
Neue Ortsmarke. Sebastian Vettel feiert in seiner Heimatstadt Heppenheim, die jedoch nur vorübergehend umbenannt wurde.Weitere Bilder anzeigen
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22.11.2010 09:43Neue Ortsmarke. Sebastian Vettel feiert in seiner Heimatstadt Heppenheim, die jedoch nur vorübergehend umbenannt wurde.

Mein Antrieb ist der Genuss, die Freude, Auto zu fahren. Das ist der Grund, warum ich das überhaupt mache. Alles, was mit Geschwindigkeit und Instinkt zu tun hat, gibt mir ein tolles Gefühl. Alles, was vier Räder hat und einen Motor, wenn man das Gefühl hat, dass man das in seiner Kontrolle hat. Da ist es egal, ob man jetzt im Kart oder im Formel-1-Auto sitzt.

Der Auslöser ist mein Vater, über ihn bin ich dazu gekommen. Er fuhr früher immer Amateurbergrennen, da waren wir als Familie immer zusammen unterwegs. Ich bin damit aufgewachsen, dass die Motoren brummen. Das ging von klein auf los, so mit zwei, drei, vier Jahren, und das ging dann immer weiter. Man wächst damit auf, das gehört dann natürlich dazu. Irgendwann war die Möglichkeit da, das mal selbst zu probieren. Mit dreieinhalb Jahren hatte ich mein eigenes Kart und bin immer bei uns im Hof auf und ab gefahren. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber augenscheinlich hat’s mir Spaß gemacht.

Es gab keinen Plan, keine bestimmte Route, die wir eingeschlagen haben, um irgendwo zu landen. Es passierte einfach. Wir haben angefangen, Kartrennen zu fahren. Wir hatten aber keine Ahnung, wie so etwas überhaupt funktioniert und was man da braucht, sind also komplett blauäugig an die Sache herangegangen. Schritt für Schritt und Jahr für Jahr haben wir dazugelernt und uns gesteigert. Bei vielen Rennen bin ich immer noch wie damals im Wohnmobil unterwegs. Ich bin so aufgewachsen und habe deshalb auch kein Problem damit.

Ich finde es schön, wenn meine Familie bei den Rennen dabei ist. So bin ich früher aufgewachsen, und das gehört für mich dazu. Heutzutage in der Formel 1 wird das natürlich immer schwieriger. Ich bin viel unterwegs, da können sie gar nicht immer dabei sein. Meine Schwester oder mein Bruder sind aber auch nicht nur auf der Welt, um mir hinterherzureisen – jeder von ihnen hat ja auch ein eigenes Leben.

Meine Familie hatte großen Einfluss auf meine Entwicklung – und auch Spaß dabei. Spaß war unser großer Antrieb, den hatten wir alle. Ich natürlich beim Fahren, aber wir alle beim Herumkommen und Reisen. Letzten Endes ist es ja ein Hobby. Mein Vater war damals großer Formel-1-Fan, sonntags lief immer der Fernseher. Das erste Rennen, an das ich mich erinnern kann, war 1991, zu der Zeit, als Michael Schumacher in die Formel 1 kam.

Klar träumte ich davon, auch mal in der Formel 1 zu fahren, Weltmeister zu werden und die Helden zu sehen, die als Poster bei mir an der Wand hingen. Ich bin dann Kart gefahren, und natürlich brauchte ich auch den Wettkampf, sonst wird es ja irgendwann langweilig. Aber ich war auch ein ganz normales Kind. Ich bin aus dem Kart ausgestiegen und mit den Jungs, mit denen ich mich eben auf der Strecke noch duelliert hatte, Fußball spielen gegangen. Oder wir sind raus in den Dreck und haben mit Spielzeugautos gespielt oder Verstecken oder Fangen.

Natürlich hatte von uns Kartfahrern jeder seinen Liebling, ich war Schumacher-Fan, ein anderer mochte Ayrton Senna, wieder ein anderer eher Montoya. Aber das legt sich dann, man wird älter und die Meinung ändert sich vielleicht. Das ist ganz normal.

Einmal ein Formel-1-Auto zu fahren, davon habe ich schon immer geträumt. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem ich das erste Mal die Ehre hatte, das zu tun. Im Oktober 2006 war das, in Spanien, bei einem Test in Jerez. Es gibt ja viele Männer, die davon träumen, so ein Auto mal zu fahren. Ich war noch sehr jung, und mit der Fahrt im BMW ist für mich der Traum wahr geworden. Ich lag nachts wach und träumte davon, so ein Auto auch einmal im Rennen zu fahren und am Ende auch zu gewinnen. Das waren aber nicht mehr als schöne Träume, es war eigentlich alles noch zu weit weg. Man arbeitet dann zwar daran, aber es liegt in so weiter Ferne, dass man nie sagen kann: In ein oder zwei Jahren bin ich da.

Als ich das erste Mal im Fahrerlager war und die ganzen Trucks und die Motorhomes und die Autos gesehen habe, war ich ungeheuer fasziniert. Und so ist es auch heute noch für mich. Klar, man kann sagen, die sind doch eh alle gleich, das eine ist vielleicht blau und das andere rot. Aber jeder einzelne Wagen ist ein Unikat, jedes Jahr wieder. So viele Leute arbeiten so hart daran, das Auto schneller zu machen, mit so viel Herzblut und Aufwand und Liebe fürs Detail – wie Kinder. Sie basteln und verknüpfen Teil für Teil für Teil, und am Ende hat man aus diesen Puzzleteilen ein großes Bild zusammengebaut.

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich etwas aufgegeben habe, als ich Formel-1-Fahrer wurde. Ich wurde ja nicht dazu gezwungen. Mein Antrieb kam von innen. Ich lebe auch nicht den Traum meines Vaters weiter, es stand mir immer frei. Ich hätte auch irgendwann sagen können, ich habe keine Lust mehr, dann wäre das auch okay gewesen, kein Problem.

Es ist auch nicht so, dass mein Vater versucht hätte, mich irgendwo hinzudrücken, wo er vielleicht selbst gerne gewesen wäre. Wichtig ist ja, dass man etwas findet, ob Formel 1, Fußball oder Eishockey, wo die ganze Familie zusammen ist und man in gewisser Weise die Kinder von der Straße fernhält.

Wenn ich auf Freunde aus der Schule oder der Kindheit schaue, dann ging es nicht jedem so gut. Und ich spreche da nicht vom Materiellen, dass ich da ein Kart im Wert von 4000 oder 5000 Euro oder so im Hof stehen hatte. Nein, es geht um den Wert, als Familie zusammen zu sein und etwas gefunden zu haben, was jedem Spaß macht.

Auch ein Fußballspieler hat als Kind einmal damit angefangen, weil er Spaß daran hatte. Und das muss sich durchziehen, bis er im Stadion vor 40 000 Leuten spielt, für Eintracht Frankfurt – meinen Lieblingsklub – oder auch Bayern München. Diesen Spaß darf man nicht verlieren.

Schon früher bin ich ins Kart eingestiegen, um der Beste, der Schnellste zu sein. Das heißt automatisch, dass ich auch deswegen in der Formel 1 bin. Für mich ist der Weg aber mit der Weltmeisterschaft nicht zu Ende. Selbst wenn man das erreicht, ist die Herausforderung trotzdem beim nächsten Rennen immer wieder da. Ich bin hier, um zu gewinnen.

Aufgezeichnet von Christian Hönicke im Mai 2009.

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