Sport : Sechs Freunde müsst ihr sein

Die deutschen Volleyballer verdanken die Teilnahme an der WM ihrem enormen Zusammenhalt

Frank Bachner,Sophie Genschow

Berlin - Es ist Montag, 14 Uhr. Simon Tischer steht am Flughafen München, er ist noch nicht wirklich fit. Der 23-Jährige ist seit acht Stunden auf den Beinen, die Nacht in seinem Hotelzimmer in Neapel war kurz. Tischer klingt müde, er hat doch einiges getrunken am Abend zuvor. Aber das hatte ja auch seinen Grund: Tischer spielt erst seit gut einem Jahr in der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft, aber er hat schon den größten Erfolg des Teams seit 1994 miterlebt. Die deutsche Mannschaft hat sich für die Weltmeisterschaft 2006 in Japan qualifiziert. Den letzten WM-Auftritt hatten die Deutschen vor elf Jahren in Athen.

Und der Zuspieler Tischer vom VfB Friedrichshafen hatte großen Anteil an diesem Erfolg. „Natürlich haben wir uns am Abend noch ein Bier gegönnt“, sagt Tischer, „aber nach dem langen Spiel hatten wir uns das auch verdient.“ Sein Teamkollege Frank Dehne, Kapitän der Nationalmannschaft, findet, dass sie noch viel mehr Bier verdient gehabt hätten. Er steht auch am Flughafen München, und er sagt: „Dummerweise lag unser Hotel in einem Bankenviertel, wo Sonntagabend alles zu war, sonst hätten wir sicher noch länger gemacht.“

3:2 gegen die Ukraine, 3:0 gegen Spanien, 3:2 sogar gegen den Olympiazweiten Italien, es waren Siege in Neapel, die das deutsche Team von enormem Druck befreiten. Die Mannschaft spielte schließlich nicht bloß um die WM-Teilnahme, sie spielte auch um ihr Image, um viel Geld, und sie spielte um die Zukunft ihres Trainers. Stelian Moculescu hatte angekündigt, dass er als Bundestrainer zurücktreten werde, wenn sein Team die WM-Qualifikation verpasse. Einmal stand der Rumäne sogar schon vor dem Rauswurf. Nach der verpassten EM-Qualifikation wollte Verbandspräsident Werner von Moltke den 55-Jährigen entlassen. Doch in einem Brief sprachen sich die Spieler für Moculescu aus.

Ein Symbol, dieser Brief. Er zeigt, wie sehr Trainer und Mannschaft zusammenarbeiten. „Ich bin sehr stolz, Trainer dieses Teams zu sein. Das ist eine gewaltige Mannnschaft, sowohl menschlich als auch sportlich“, sagte Moculescu in Neapel gegenüber Journalisten.

Auf dem Feld stehen sechs Spieler, die als Einheit auftreten. „Es macht unglaublichen Spaß, mit den Jungs herumzureisen. Hier ziehen alle an einem Strang. Deshalb hat es auch endlich mit der WM-Qualifikation geklappt“, sagt Tischer. „Im Angriff hält uns keiner“, verkündet Dehne. „Stimmt“, bestätigt Tischer. „Wir haben ein Luxusproblem, denn Christian Pampel ist super in der Diagonalposition, aber Jochen Schöps und Björn Andrae auch. Leider kann nur einer auf der Position spielen.“ In Neapel spielte vor allem Pampel, und der Mann vom italienischen Erstligisten Giotto Padua spielte zeitweise brillant. „Ich habe ihn selten mit so viel Willen und Aggressivität gesehen“, sagte Moculescu nach dem Spiel gegen Spanien.

Aber es geht auch um viel Geld, jedenfalls für die Verhältnisse im Volleyball. Die Nationalmannschaft steht in der Förderstufe III, der tiefsten, die es gibt. Wenn das Team bei der WM unter die ersten elf kommt, steigt es auf in die Stufe II, das bringt 60 000 Euro mehr Fördergelder durch das Innenministerium.

Die größte Herausforderung steht dem Team aber noch bevor: die Olympia-Qualifikation. Der Start in Peking 2008 wäre ein noch viel größerer Triumph als die WM-Teilnahme. Als die (West-)Deutschen zum letzten Mal bei Olympischen Spielen antraten, da waren weder Tischer noch Dehne geboren.

Es war 1972.

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