Sechstagerennen : Dem Trend zum Trotz

Heute startet in Berlin das 99. Sechstagerennen und widersetzt sich dem Sterben einer Gattung.

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Volle Bahn und volle Halle. Im Velodrom wird den Fahrern bei ihren Runden noch Aufmerksamkeit geschenkt.  -Foto: p-a/dpa

Berlin - Mythen sterben langsam, und dieser Prozess kann schon lange im Gange sein, ohne dass die, die an den Mythos glauben, es bemerken. Das war auch beim Radsport- und Unterhaltungsmythos Sechstagerennen so. Jetzt aber gibt es schon lange niemanden mehr, der die Augen verschließt. In Dortmund und Stuttgart wird nicht mehr Runde um Runde über die Holzbahn gejagt, ebenso wenig wie anderswo in Europa, in London, Mailand, Cremona. Doch im trotzigen Berlin, da lebt der Mythos, da wird das Velodrom ab diesem Donnerstag bis zum Dienstag wieder gut gefüllt sein, zum Sprint der ehemaligen Asse, zur Kleinen und zur Großen Jagd, und natürlich zur Revanche des beliebten Profis Jens Voigt für seine Niederlage bei „Wetten, dass …“, als er langsamer war als ein Schweizer auf einem 100 Jahre alten Militärfahrrad.

Solche Späßchen gehören dazu, machen bei der großen Ausnahme Berlin aber nur einen kleinen Teil des Programms aus. „Berlin ist eine Sportmetropole, und das Publikum ist besonders“, sagt Veranstalter Heinz Seesing. Die Fahrer schwärmen jedes Jahr aufs Neue von den fachkundigen Berliner Fans. In Stuttgart sind die meisten Zuschauer immer zum Weinstand gegangen, wenn die Fahrer an der Reihe waren, sie wollten trinken und die Showacts sehen. Und in Bremen, dem zweiten Sechstagerennen in Deutschland, das noch lebt, traten in der vergangenen Woche DJ Ötzi, Klaus & Klaus und auch noch Boney M. auf. In Berlin spielt eine Tanzband aus Braunschweig. Die Bremer Party mit etwas Sport hat auch dieses Jahr überstanden, obwohl zwei wichtige Sponsoren ausgestiegen sind und die Stimmung schon besser war. Das lag weniger am (nicht kontrollierten) Rauchverbot in der Halle, obwohl der Mythos Sechstagerennen eng mit dem Mythos Zigarette verbunden ist.

„Das Konzept ist nicht mehr zeitgemäß“, sagte Klaus Cyron, der Veranstalter des Münchner Sechstagerennens. Kurz vor dem Start in Bremen hatte auch München aufgegeben und für dieses Jahr abgesagt. Im November hatte noch Bayern-Star Luca Toni den Startschuss gegeben, aber der ist ja auch nicht mehr da. Der Veranstalter gestand ein, dass ihm schlichtweg „nichts mehr einfällt“ und fragte sich, wer wohl zum Fußball kommen würde, wenn am Donnerstag Anstoß ist und der Sieger am Dienstag feststeht. 42 Stunden Fahrzeit seien einfach zu lang.

Die Zeiten ändern sich eben. Vor hundert Jahren waren die Fahrer tatsächlich sechs Tage und sechs Nächte auf dem Rad – heute ebenso unvorstellbar wie vielleicht in einigen Jahren ein Sechstagerennen wie jenes, das heute an der Landsberger Allee startet. Das hat im vergangenen Jahr zum Karriereschluss der große Star Erik Zabel gewonnen. Dieses Mal baut man auf die Deutschen Robert Bartko und Roger Kluge sowie die Weltmeister Alex Rasmussen/Michael Mörköv aus Dänemark. Namen, die nur dem wahren Fachpublikum etwas sagen.

Obwohl die Sechstagerennen schon immer eine Welt für sich waren, hat ihre Krise natürlich auch mit der Krise des Radsports und der stark gesunkenen Begeisterung dafür zu tun. Die Stars der Straße kommen nicht mehr in die Halle, sie haben draußen genug mit der Rettung ihrer Sportart zu tun. Der Weg ist eher umgekehrt, weil es auf der Straße noch mehr Rennen als in der Halle gibt. Der Belgier Iljo Keisse, seit Jahren auf der Bahn sehr erfolgreich und zuletzt in Bremen mit Robert Bartko Zweiter, verdient in diesem Jahr zum ersten Mal in der Pro Tour auf der Straße Geld beim Team Quick Step. In Berlin fehlt Keisse ebenso wie Bruno Risi, der in Bremen gemeinsam mit Franco Marvulli gewann.

Risi wollte die drastische Kürzung seiner Gage nicht hinnehmen. „Wir mussten unser Budget um 20 Prozent kürzen“, sagt Heinz Seesing. „Beim Sport waren wir sehr zurückhaltend, das steht als Kernangebot.“ Das Sechstagerennen in Berlin ist aktuell nicht in seiner Existenz bedroht. Der Etat einer solchen Veranstaltung ist aber jedes Jahr ein neuer, der sich tragen muss. Heinz Seesing bietet sogar den Münchnern seine Hilfe an. Und spricht davon, ein ganz neues Rennen zu veranstalten, in Leipzig. Als ob man das Sterben eines Mythos einfach umkehren kann, statt es mitanzusehen.

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