Sechstagerennen : Großer Spurt ohne Kreuzband

Kurz vor Beginn des Berliner Sechstagerennens riss sich der Schweizer Franco Marvulli das rechte Kreuzband und quetschte sich den Innen-Meniskus. Mit ihm hatte niemand gerechnet - trotzdem gewann er gemeinsam mit seinem Landsmann Bruno Risi die Sixdays.

Hartmut Moheit
Franco Marvulli und Bruno Risi
Bruni Risi und Franco Marvulli: Die Sieger des Sechstagerennens. -Foto: dpa

BerlinJeder im Velodrom ahnte, dass es passieren würde. Aber wann? Unvermittelt und vehement kam der Antritt vom Franco Marvulli. Als der Schweizer 27 Runden vor Schluss des 97. Berliner Sechstagerennens die letzte große Attacke startete, die er dann mit seinem Landsmann Bruno Risi elf Runden später mit einem Rundengewinn beenden sollte, konnte kein anderer Fahrer dem Tempo von 65 Kilometer pro Stunde folgen. Ausgerechnet der 30-Jährige düpierte alle. Jener Marvulli, der sich kurz vor dem Start in Berlin bei einem Treppensturz beim Sechstagerennen in Stuttgart das vordere, rechte Kreuzband gerissen und den Innen-Meniskus gequetscht hatte.

Doch es sollte in der Nacht zum Mittwoch noch Verblüffenderes passieren: Bei den letzten zwei Sprints der alles entscheidenden Jagd über 60 Minuten war es nicht der kleine Risi, der die finalen Sprints ausführte, sondern ebenfalls Marvulli. Zweimal ließ er die Hauptkontrahenten um den Gesamtsieg hinter sich, holte 20 Punkte, und brachte damit die Weltmeister an die Spitze. Für Guido Fulst und Leif Lampater, die Vorjahrssieger, für die alles für den erneuten Erfolg programmiert zu sein schien, blieb nur noch der zweite Platz übrig. Überhaupt nicht zum Zuge kamen von den Sieganwärtern die vor der letzten Nacht noch hoch gehandelten Dänen Alex Rasmussen und Michael Mörköv. Warum sie sich bei den Ausreißversuchen und den Schlussspurts überraschend reserviert verhielten, dafür hatte selbst der Sportliche Leiter Dieter Stein keine Erklärung. „Dazu kann ich nichts sagen“, lautete dessen kurzer Kommentar. Den Zuschauern jedenfalls war die Zurückhaltung nicht entgangen. Am Ende wurden aber alle Fahrer frenetisch gefeiert, und der Veranstalter verkündete schließlich mit 77 000 Zuschauern einen neuen Rekord für seine Sixdays.

Für Franco Marvulli, der in dieser Saison zuvor schon an fünf Siegen bei Sechstagerennen beteiligt war, erfüllte sich mit dem Sieg im Velodrom „ein Traum“. Zugleich verkündete er, dass er sein lädiertes Knie noch immer nicht operieren lassen würde. „Ich will auch noch die letzten beiden Saisonrennen bestreiten, die WM in Manchester und werde mich dann auf Olympia vorbereiten. An eine Operation denke ich erst im August, danach“, sagte er und verriet dann: „ Nur am ersten Tag hatte ich eine kleine Blockade im Kopf.“ Ein Knie-Spezialist im heimischen Arosa hatte ihm versichert, dass er seinen Sport weiterhin auf hohem Niveau betreiben könne. Nur mit dem normalen Laufen klappt es in diesem Zustand nicht. So sahen die Fans vor jedem neuen Einsatz auf der Bahn einen Franco Marvulli, der von einem Betreuer gestützt zu seinem Rad humpelte und sich damit in Bewegung setzte – als wäre alles wie immer.

Sein Teamgefährte Bruno Risi wurde nicht nur sportlich seiner Rolle als Patron aller Sechstagefahrer gerecht. Er hatte schon im Vorfeld bei Sechstage-Chef Heinz Seesing durchgesetzt, dass eine geplante Doping-Klausel in den Verträgen wieder gestrichen wurde. Diese sah ursprünglich vor, dass ein Restteil der Fahrergagen erst dann ausgezahlt werden würde, wenn alle Dopingproben nach Ende der Veranstaltung negativ sind. „Diesen Generalverdacht kann ich nicht akzeptieren“, sagte Risi, und schließlich konnte sich auch Seesing einem Vertrauensvorschuss nicht entziehen. Er reagierte dann auch sichtbar erleichtert auf die Feststellung des offiziellen Doping-Kontrolleurs beim Berliner Sechstagerennen, Alexander Donike, dass jeden Tag Kontrollen durchgeführt worden seien und ihm keine positiven Befunde bekannt seien. Von sechs Fahrern waren täglich Urinproben getestet worden. Bruno Risi bestätigte, dass der Rad-Weltverband UCI von den Sechstagefahrern, im Gegensatz zu den Pro-Tour- Profis auf der Straße seit dem 1. Januar, „keinen Blutpass verlangt“.

Die Gesundheit wurde diesmal nicht nur bei den Bahnfahrern ernst genommen, sondern auch bei den Zuschauern. Wo früher noch geraucht werden durfte, herrschte diesmal im Velodrom saubere Luft. „Erstmalig kann ich von hier aus auch die Gegengerade sehen“, sagte schließlich ein Fan auf dem oberen Rundgang. So war für ihn der entscheidende Antritt von Marvulli kein getrübtes Erlebnis.

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