Segel-Olympiasieger Willy Kuhweide im Interview : „Ich war total überfordert“

Gold für das gesamtdeutsche Team, obwohl die Mauer schon drei Jahre lang stand: Willy Kuhweide im Interview über seinen Segel-Olympiasieg vor 50 Jahren in Japan und das dramatische politische Vorspiel.

Tobias Potratz, Johannes Becht
Willy Kuhweide, Anfang der 70er Jahre.
Willy Kuhweide, Anfang der 70er Jahre.Foto: imago

Willy Kuhweide, 71, gewann im Finn-Dinghy am 21. Oktober 1964 vor Enoshima Olympiagold. Insgesamt nahm er fünf Mal an Olympischen Spielen teil, 1972 gewann er dabei in Kiel im Starboot Bronze, 1984 trug der gebürtige Berliner in Los Angeles die Fahne der westdeutschen Mannschaft bei der Eröffnungsfeier. Vier WM- und drei EM-Titel gehören außerdem zu seinen Erfolgen. Kuhweide arbeitete später als Pilot und leitete von 1989 bis 1994 die Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Phoenix/Arizona.

Herr Kuhweide, Ihre Segel-Goldmedaille ist nun ein halbes Jahrhundert alt. Wie präsent sind die Olympischen Spiele 1964 in Japan noch für Sie?

Mir kommt es immer noch vor, als sei es gestern gewesen. Durch die Vorbereitung auf dieses Gespräch ist mir außerdem noch vieles eingefallen, was damals wichtig war.

Was war denn damals wichtig?

Es sollte einen Ausscheid geben, welche Segler der beiden deutschen Verbände bei der Olympia-Regatta antreten. Wir hatten ja damals eine gesamtdeutsche Mannschaft, obwohl die Mauer schon drei Jahre stand. Und dann die Spiele selbst: Nach der vierten Regatta bekam ich eine Ohrenentzündung. Es gab zwischen den Regatten drei Ruhetage, die ich komplett im Bett verbringen musste, bevor ich die letzten drei Tage noch segeln konnte. Das sind Sachen, die vergisst man einfach nicht.

Bis kurz vor Schluss wussten Sie nicht, ob Sie in Tokio starten dürfen. Woran lag das?

Das war alles eingebettet in diese Ost-West-Ausscheidung. Die beiden Verbände hatten sich auf sechs Teilnehmer aus der DDR und sechs aus der Bundesrepublik verständigt. Es sollten dann als Ausscheidung zwei Serien gesegelt werden. Die erste in Warnemünde, die zweite in Travemünde.

Wie lief das ab?

Die erste Serie verlief so, dass die Kollegen aus der DDR nicht einzeln gegen mich gesegelt sind, sondern sich gleich mehrere auf mich gestürzt haben. Später wurde das als Teamsegeln bezeichnet. Damals durfte man aber nur Boot gegen Boot segeln. Ich habe also dagegen protestiert. Das ging an den internationalen Seglerverband nach London. Bei der zweiten Ausscheidung passierte das wieder und dann habe ich nach drei Regatten für mich entschieden, dass das nicht die Art des Segelns ist, die ich akzeptieren kann. Ich habe gesagt: Ich höre auf. Für mich waren Olympia und die Saison fertig und ich habe mein Schiff winterfest verpackt.

Wie haben Ihre Teamkollegen reagiert?

Die fünf westdeutschen Kollegen haben sich angeschlossen und auch aufgehört. So war natürlich keine klare Wertung da. Die DDR war zwar allein offiziell gesegelt und sie glaubten auch, damit gewonnen zu haben. Dann wurden jedoch neue Ausscheidungen im Rahmen der Europameisterschaften in Kopenhagen angesetzt. Ich war dort, aber diesmal trat die DDR nicht an, aus welchen Gründen auch immer. Ich bin ganz souverän Europameister geworden. Es gab aber wieder keine Entscheidung zwischen den beiden Verbänden. Erst ganz kurz vor der Abreise des olympischen Teams hieß es, ich solle nach Frankfurt am Main zur Einkleidung kommen, um dann am übernächsten Tag mit der Mannschaft nach Tokio zu fliegen – obwohl nie eine Entscheidung gefallen war.

Wann kam es dazu?

Erst vor Ort wurde gesagt, dass Bernd Dehmel aus der DDR und ich ein Stechen, also Boot gegen Boot, gegeneinander segeln sollen. Das war am Tag der Eröffnungsfeier. Ich trat dann an und Bernd Demel nicht, weil er das von seinen Funktionären her nicht durfte. Dann hat der damalige IOC-Präsident Avery Brundage entschieden, dass ich für Deutschland qualifiziert bin. Das war tatsächlich erst eine halbe Stunde vor Beginn.

Willy Kuhweide im Jahr 2011 bei der Aufnahme in die Hall of Fame des Sports.
Willy Kuhweide im Jahr 2011 bei der Aufnahme in die Hall of Fame des Sports.Foto: Imago

Wie haben Sie sich da gefühlt?

Beschissen (lacht). Ich war total überfordert. Ich hab e mich so weit wie möglich beruhigen können, auch weil der Anmarschweg vom Hafen zum Kurs eine Weile gedauert hat. Ich habe dann bei der ersten Regatta gleich einen zweiten Platz einfahren können. Die zweite Regatta habe ich gewonnen und von diesem Moment an die Führung nicht mehr abgegeben.

Wenn Sie zurück auf den damaligen Einfluss der Politik auf den Sport blicken: Wie beurteilen Sie das heute?

Das ist deutsche Geschichte. Das Kapitel ist jetzt Gott sei Dank vorbei. Bernd Dehmel und ich sind heute gute Freunde. Das war damals politisch gesteuert und die Aktiven konnten da überhaupt nichts dafür. Und mir tat Bernd Dehmel auch wahnsinnig leid, der kam ja auch nach Tokio und hat sich das dann immer nur angucken dürfen.

Jetzt sind Sie viele Jahrzehnte auf dem Segelboot zu Hause und gelten vor allem am Berliner Wannsee als Legende. Was hat Sie am Segeln gereizt?

Das ist quasi angeboren durch die Tatsache, dass meine Eltern schon gesegelt sind. Ich bin auf einem acht Meter R-Boot, was damals hier auf dem Wannsee das größte Schiff war, groß geworden. Von meinem Vater habe ich Segeln gelernt. Viele Male in meiner Laufbahn kam die Frage, warum ich denn so gut segle. Und ich habe die Standard-Antwort gegeben: Ich habe es nie gelernt, ich bin damit aufgewachsen. Das ist ein Riesenunterschied. Denn so hat man eine ganz natürliche Basis. Das hat mir den Erfolg eingefahren.

Glauben Sie, dass ein Erfolg wie Ihre Goldmedaille auch bei den nächsten Olympischen Spielen 2016 möglich ist?

Wir brauchen da gar nicht in die Zukunft zu blicken. Wir können ja auch in die junge Vergangenheit schauen. Jochen Schümann hat zum Beispiel 2000 in Sydney Silber gewonnen. Und wir haben auch ein paar andere wie Robert Stanjek, der eine Hoffnung für 2016 ist. In Deutschland haben wir Segler, die immer für Medaillen gut sind. Da mache ich mir mit Blick auf Rio keine Sorgen.

Sie wohnen in den USA und kommen viel herum. Werden Sie auch in Rio dabei sein?

Nein, wahrscheinlich nicht. Ich schau mir das aus der Entfernung an, auch dank der heutigen Möglichkeiten des Internets.

Das Gespräch führten Tobias Potratz und Johannes Becht.

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