Segeln : Duell abseits der Zivilisation

Nach einer zehnmonatigen Odyssee über die Weltmeere ist das Volvo Ocean Race zu Ende gegangen.

Kai Müller

Wie viele härteste Segelrennen der Welt gibt es eigentlich? Die Frage, gestellt von einem Kollegen, der sich sehr gut in Sachen Fußball auskennt, ist nicht unberechtigt. Am Sonntag ging nach einer zehnmonatigen Odyssee über sämtliche Weltmeere das Volvo Ocean Race zu Ende, das von jeher Anspruch auf diesen Titel erhebt. Denn es gibt kein anderes Hochsee-Spektakel, in das regelmäßig alle vier Jahre – seit seiner Erstauflage 1973 als Whitbread Round The World Race – so viel Geld, personelle Kraft und technische Innovation fließen.

Aber mit der Härte ist das so eine Sache. Der Superlativ ist zum Attribut eines hochtechnisierten Sports geworden, der immer verwegenere, schnellere Bootstypen erfindet und die Besatzungen an ihre Belastungsgrenzen führt. Sei es beim Vendée Globe oder Velux 5 Oceans Race, wo Solosegler mit speziell auf ihre physischen Kräfte zugeschnittenen 18- Meter-Rennjachten um den Globus kurven. Oder sei es beim Volvo Ocean Race, das teuer zusammengekaufte Proficrews auf 22 Meter langen Leichtbau-Gefährten um den nassen Teil des Erdballs hetzt. Längst ist das Meer als Herausforderung zurückgetreten hinter die schonungslosen Duelle, die überwiegend abseits der Zivilisation auf dem Modernsten ausgetragen werden, was der Schiffbau zu bieten hat.

Dass den durchtrainierten Kerlen (diesmal war keine einzige Frau dabei) die vergangenen neun Monate zu schaffen gemacht haben, ließ sich am Sonntag nach dem Zieleinlauf der zehnten und letzten Etappe in St. Petersburg nicht übersehen. Leere Blicke, fahrige Bewegungen dehydrierter, übermüdeter Körper. Dabei hatte der letzte Abschnitt nur 400 Seemeilen über die Ostsee betragen. Ein Klacks, gemessen an den 37 000 Meilen, die das Rennen insgesamt umfasst. Doch entspann sich erneut einer jener mehrstündigen erbitterten Zweikämpfe, die den Hochseeklassiker immer stärker prägen und den Mannschaften keine Ruhepause gönnen. „Die kürzeren Etappen sind die härteren“, sagte schon vorher Skipper Ken Read, der vor allem im letzten Drittel des Volvo Ocean Race seinem Ruf als gewiefter Regattastratege gerecht wurde. „Aber alles in allem ist es eine lange Schlacht.“

Die von dem Amerikaner Read gesteuerte Puma zählte beim Start vergangenen Oktober in Alicante nicht zu den Titelaspiranten. Zwar sah das vom deutschen Sportartikelhersteller finanzierte Schiff mit seiner in die schwarzen Segel gemalten übers Wasser springenden Raubkatze bei Weitem am besten aus, aber sowohl Read selbst als auch seine Hinterleute verfügten kaum über Erfahrungen in dem Ozean-Marathon. Das sah bei den Teilnehmern aus Spanien und Schweden anders aus. Hinter denen standen große Telekommunikationsunternehmen und ein weiter zurückreichendes Engagement. Diese Kampagnen konnten es sich leisten, mit jeweils zwei Booten zu trainieren. Da das Reglement in solchen Fällen vorsieht, dass sämtliche Boote einer Kampagne ins Rennen geschickt werden müssen, wurde je eins mit Neulingen besetzt, die sich wacker schlugen, und eins mit den besten Leuten, derer man habhaft werden konnte.

So stand für die Ericsson 4 – den einzigen Neubau im Feld, in den das Wissen von drei vorausgegangenen Bootsgenerationen eingeflossen ist – der mehrmalige Olympiasieger Torben Grael am Steuer. Seiner Favoritenrolle unter den acht gestarteten Teams wurde er bereits in der Auftaktetappe nach Südafrika gerecht.

Als erstes Einrumpfboot durchbrach das Schweden-Team in 24 Stunden die magische Grenze von 600 Meilen – und gab damit die Schlagzahl vor. Die ersten beiden sowie weitere drei Etappen entschied Ericsson 4 für sich und sammelte außerdem wichtige Wertungspunkte an den virtuellen Scoring-Gates. Schärfster Konkurrent blieb zunächst die A-Mannschaft des spanischen Telefonica-Konzerns, der sein Boot-Paar entsprechend den Farben Blue und Black getauft hatte.

Auf der neueren Telefonica Blue hatte Bouwe Bekking das Sagen, ein bereits ergrauter Herr, der vier Jahre zuvor ebenfalls mit einer spanischen Kampagne hoch hinauswollte – und tief sank. Seine Movistar ging im Atlantik verloren. Diesmal bekräftigte der gebürtige Norweger seinen Siegeswillen mit zwei frühen Etappensiegen. Unter anderem auf dem unerwartet schwierigen Stück von Singapur nach Tsingtau.

Erstmals führte das Volvo Ocean Race durch tropische Gefilde, indem es den Kurs nicht wie üblich durch die südlichen Breiten von Indischem und Pazifischem Ozean absteckte, sondern einen Schlenker nach Asien vorsah. Prompt geriet das Feld, aus dem das russische Team wegen der Finanzkrise bereits vorzeitig ausgeschieden war, bei den Philippinen in einen Orkan. In 14 Meter hohen Wellen traten bei etlichen der dünnwandigen Racer ernste Strukturschäden am Rumpf auf. Eine Menge ging zu Bruch.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde aber auch das Dilemma immer deutlicher, mit dem das Volvo Ocean Race zu kämpfen hat. Trotz spektakulärer Segelbilder, dramatischer Szenen und Zieleinläufe fand die zehnte Version des legendären Rennens unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Welt hat schlicht andere Sorgen, als sich für den Verbleib von sieben Jachten zu interessieren, die rasant zu segeln sind und zuweilen gefährlich werden für ihre Besatzungen. Rasanz und Härte sind derzeit nicht gerade Werte von großer emotionaler Anziehung.

So geht beinahe unter, dass Puma mit seinem zweiten Platz eine kleine Sensation gelungen ist. Schon vor dem Abschluss-Sprint hatte Team Ericsson 4 den Gesamtsieg für sich reserviert. „Ich gehe jetzt heim, mein Haus streichen“, sagte ein Segler nach der Ankunft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben