Segeln : Ein ganz großer Fang

Sie haben die härteste Etappe der Volvo-Ocean-Race-Geschichte hinter sich. Nun warten die Piraten.

Kai Müller
Ericsson
Arbeit in Schieflage. -Foto: promo

Berlin - Die Heckwellen der Ozeanjäger ähneln den Kondensstreifen von Düsenjets. Vier, fünf Meter hinter der Abrisskante prallt das von den Booten verdrängte Wasser beim Volvo Ocean Race mit Gewalt zusammen, ein weiß-schäumender Strich bleibt auf dem Meer zurück, über das die Yachten zu fliegen scheinen. Trotz Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 30 Knoten können die 21,5 Meter langen Rennmaschinen nicht schnell genug sein. Denn auf der dritten Etappe des Volvo Ocean Race vom südindischen Kochi nach Singapur durchquert das Teilnehmerfeld die berüchtigte Straße von Malakka. Dieses Nadelöhr, durch das praktisch der gesamte europäisch-asiatische Transferhandel verschifft wird, ist besonders stark von Piraten bedroht. Die nur schlecht ausgerüstete malayische Marine kommt gegen das Aufgebot von zahllosen marodierenden, plündernden und auf fette Beute hoffenden Gelegenheitsbanditen nicht an. Oft handelt es sich um Fischer, die ihre Boote mit PS-starken Außenbordern aufrüsten und nach einem lukrativeren Erwerb suchen – die Welthandelsflotte fährt in Sichtweite an ihren Dörfern vorbei.

Was werden die Räuber erst von den hoch aufragenden, auffällig rot, grün, gelb bemalten Gefährten halten, die in der nächsten Woche durch die Meerenge steuern? Jedes vier bis acht Millionen Euro teuer – und beklebt mit den Insignien des Luxus. Ist die Rennleitung gut genug vorbereitet, um ein Kidnapping zu verhindern? Das fragen sich die Segler kurz vor der am Samstag startenden dritten Etappe. Dabei liegt die härteste Etappe in der Geschichte des Volvo Ocean Race gerade erst hinter den acht Teams. Nicht nur, dass die Proficrews, die von sich glauben durften, sämtliche Gewässer der Erde schon einmal befahren zu haben, diesmal regattatechnisch in unbekannte Gefilde vorstießen. Die Strecke durch den Indischen Ozean hatte es in sich.

Das fing schon damit an, dass die Navigatoren von ihren Steuerleuten nach dem Start in Kapstadt verlangten, nicht etwa auf ihr Ziel Kochi zuzufahren, sondern weg davon. Auf ihrem weiten Bogen nach Süden bekamen die Segler jene stürmischen Westwinde zu fassen, die das enorme Geschwindigkeitspotenzial der Open 70er abrufen. Dabei ging vieles zu Bruch. Kein Schiff blieb bei Wellenhöhen von über zehn Metern von Schäden verschont. Die von Puma finanzierte „Il Mostro“ tauchte so heftig in die See, dass die Rumpfstruktur barst, auf der „Green Dragon“ knickte der Großbaum ab. Steckschwerter und Ruder rissen ab. Bald glich das Feld einer von Löwen angefallenen Herde, die ihre Wunden leckt.

Dann war der Wind plötzlich weg – und die Kontrahenten schlossen wieder zueinander auf. Je näher sie ihrem Ziel kamen, desto windstiller, enger und unangenehmer wurde es. Eben noch von physischer Stärke geprägt, wandelte sich das Rennen jetzt in einen Nervenkrieg. „Ericsson 4“ unter Skipper Torben Grael, die bereits die Auftaktetappe gewonnen hatte, setzte sich am Äquator ab. Ein Vorsprung von lächerlichen 54 Meilen reichte, um zu gewinnen. Wie hart die Konkurrenz ist, zeigte, dass nach 15 Tagen lediglich 68 Sekunden den Unterschied zwischen den Plätzen vier und sieben ausmachten.

Dennoch geht „Ericsson 4“ als Favorit auch in die nächste Etappe. Das schwedische Boot ist das einzige Design der vierten Generation. Allerdings sind die 2000 Meilen nach Singapur ein Sprintkurs. Und was da auf die Mannschaften zukommt, ist selbst Insidern unklar. Denn es herrscht Monsun. Die Yachten werden sich gegen feuchte, gewittrige Windströmungen nach Osten knüppeln müssen. Dazwischen immer wieder Löcher, in denen nichts passiert. Außer dass eine Armada von Frachtschiffen den Kurs kreuzt – und Netze von Fischern ausgelegt werden, die auf den großen Fang hoffen.

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