Segeln : Über den gefährlichsten Ozean der Welt

Die Berliner Jacht Walross IV bereitet sich auf die Umsegelung des Kap Hoorn vor. Doch Stürme heben an

Kai Müller
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Berlin setzt Segel. Die Jacht des Akademischen Seglervereins hat es schon bis auf die Unterseite des Erdballs geschafft.Foto: dpa

Er klingt müde, angespannt. „Manchmal fragt man sich, warum man das macht“, sagt Claus Schäfer und fällt in eine Pause. Es rauscht in der Telefonleitung. Die Entfernung ist groß. Der Mann sitzt in Tasmanien fest, auf der Unterseite des Erdballs. Eigentlich wollte er längst dort weg sein, unterwegs zu einem großen Abenteuer, nach Kap Hoorn. „Ich segele einfach gerne“, sagt er, „darum mache ich es jetzt.“ Aber es zeigten sich Risse im Kiel der Jacht Walross IV. Sie gehört dem Akademischen Segelverein (ASV) Berlin und hat 28 500 Meilen zurückgelegt, um so weit zu kommen. Aber weiter? Über den gefährlichsten Ozean der Welt? Dafür brauchte es einen neuen Kiel. Und so begann das Schlamassel.

Dabei ist bisher beinahe alles glatt gelaufen. Seit mehr als einem Jahr ist „das Walross“, wie die 17 Meter lange Jacht vereinsintern genannt wird, unterwegs. In 13 Etappen fuhr sie von Hamburg über die Kanarischen Inseln in die Karibik. Durch den Panamakanal ging es entlang der amerikanischen Westküste nach Kalifornien und weiter nach Hawaii. Von dort über Guam und Japan zu den Olympischen Spielen in China. Einmal kam Walross VI ein Taifun in die Quere. Es gab Ärger mir skurrilen Einwanderungsbestimmungen und in Mikronesien keine Piers, an denen ein Segelschiff hätte anlegen können. Auch sei zu Beginn „mehr repariert als gesegelt“ worden. Wegen eines Schadens am Rigg fiel eine Etappe aus.

Im Verein, der seinen Sitz an der oberen Havel hat, betrachtet man solche Zwischenfälle gelassen. Mit der Entscheidung des ASV, sich nach mehr als 30 Jahren ein stabiles neues Seeschiff zuzulegen, ohne das Geld dafür zu haben, wurde ohnehin ein waghalsiges Projekt geboren. In Eigenregie wurde gebaut, was der bekannte Bootsdesigner Georg Nissen entworfen hatte: ein formverleimtes Holzboot aus Mahagoni mit langer Wasserlinie, steilem Bug und breitem Heck, ein Boot, das zu segeln einen Reiz besitzen muss. Spenden wurden emsig ertelefoniert. ASVler steuerten Einzelteile bei. So entstand in Berlin und Glückstadt eine hochseetaugliche Fahrtenjacht, die allen Wetterlagen trotzen und so alt werden soll wie sein Vorgänger. Der ASV versteht sich als „segelnder Botschafter Berlins“. Ein 240 Quadratmeter großer rotweißer Spinnaker mit Bär, dem Wappentier, unterstreicht die Verbundenheit. Es ergab sich zudem, dass Berlins Partnerstädte entlang der Strecke lagen. Grußnoten des Regierenden Bürgermeisters wurden überreicht. So mancher Offizielle stapfte unbeholfen über das weit gereiste Schiff.

Der Geist des Altehrwürdigen liegt über dieser Reise. Der ASV steht für 123 Jahre Segelgeschichte. 1886 wurde er von zehn Studenten der Königlich Technischen Hochschule gegründet. Das herrschaftlich-hölzerne Klubhaus an der Scharfen Lanke erzählt von Schiffen namens Matador, Prosit und Walross, die oft als erste zu Orten aufbrachen, an denen eine deutsche Jacht noch nicht gewesen war. Wer in die segelnde Studentenverbindung eintritt, bleibt ihr auf Lebenszeit verbunden. So steht es in der Satzung. Aber vor allem ist es in die Herzen der Mitglieder eingraviert. 300 sind es heute, viele verdanken dem ASV lebensprägende Erlebnisse. Zu den größten Leistungen gehört die Teilnahme am „Whitbread Round The World“-Race 1981/82. Der Titel des später veröffentlichten Reiseberichts „Nichts wie hinterher“ machte deutlich, für wie groß sie ihre Siegchancen hielten. Als Walross IV jetzt beim legendären Sydney-Hobart-Race startete und als 43. über die Ziellinie fuhr, war der Jubel groß.

Schnelligkeit zählt von jeher nicht zu den Stärken der segelnden Akademiker. Sondern all das, was in der maritimen Sprache unter dem Begriff „Seemannschaft“ firmiert: Sicherheit, Verlässlichkeit. Darüber wacht der Schifferrat. Der altmodische Name deutet die Gründlichkeit an, mit der das Gremium – eine Mischung aus Seegericht und Aufsichtsrat – vorgeht. Es setzt sich aus den Mitgliedern zusammen, die in vereinsinternen Prüfungen die Schifferwürde erworben haben. Als es vor einer Woche tagte, musste aus seiner Mitte auch der Schiffer der Kap-Hoorn-Etappe erkoren werden. Zwei Leute hatten sich um den Posten des Skippers beworben. Da der ASV das „Jüngstenprinzip“ beherzigt, hätte der jüngere Bewerber bei gleicher Qualifikation den Zuschlag erhalten. Aber wegen der Verzögerung konnten beide nicht mehr. Also fiel die Wahl auf Claus Schäfer, den 50 Jahre alten Wirtschaftsingenieur.

Zwei Monate ackern Schäfer und seine Crew im Alter von 22 bis 29 Jahren nun schon, um das Boot flottzukriegen. 6300 Meilen durch den Südpazifik liegen vor ihnen. Die lädierte Steueranlage muss repariert und der Ballastkiel ausgewechselt werden. Die Inneneinrichtung wurde auseinandergenommen, um an die Bolzen heranzukommen, die das tonnenschwere Gewicht mit dem Rumpf verbinden. Schäfer erzählt vom Regen, der die Reparatur aufhält. Und davon, dass vor Tagen ein Sturm mit Geschwindigkeiten von 70 Stundenkilometern über Tasmanien hinweggefegt sei. Das ist genau das Wetter, das er auf dem Meer nicht erleben will, wo zu dieser Jahreszeit eine durchschnittliche Wellenhöhe von elf Metern herrscht. Zwar hat die Mannschaft ein Aluminiumverdeck gebaut, damit schwere Brecher das Schiff nicht fluten. Aber Schäfer, der mit geschätzten 60 000 Meilen im Kielwasser über die größte Segelerfahrung im Verein verfügt und als 24-Jähriger diesen Teil des Ozeans schon einmal befahren hat, sagt selbst: „Es hilft nicht weiter zu sagen: ,Das kenne ich schon.‘ Das Beste ist, Respekt zu zeigen.“

Wie gefährlich der Südozean ist, zeigte kürzlich das Vendée Globe Race. Stürme zertrümmerten die Boote etlicher Teilnehmer. Und bei Kap Hoorn wurde ein Segler in letzter Minute von seiner gekenterten Rennjacht gerettet. Je weiter das Jahr fortschreitet, desto windiger wird es. „Wenn wir einmal losgesegelt sind, gibt es kein Zurück mehr“, erklärt Schäfer.

Viele tausend Kilometer entfernt in Berlin wird Heinz-Werner Apings Stimme feierlich, wenn er an seinen Aufbruch vor 28 Jahren zurückdenkt. Auch damals ging es ums Kap Hoorn. Vor wimmelnder Kulisse brachen Walross III und die anderen Whitbread-Jachten in Neuseeland auf. „Das half einem zu verdrängen, wie lang die Reise werden würde. Erst abends in der Koje kamen mir Zweifel, ob das richtig war. Da muss man dann alleine durch.“ Es sind solche Momente, die Aping als „Ausbildung fürs Leben“ lobt. Er wäre nicht geworden, was er ist, ein hochrangiger Polizeibeamter, ohne die Kälte und Anstrengung, die ihn und seine Mitstreiter südlich des 42. Breitengrads empfangen hatten.

Betrübt schaut Aping deshalb drein, wenn es um die Zukunft geht. Für den ASV ist es immer schwieriger, Nachwuchs zu finden. Die Studienzeit werde immer mehr verschult und rapide verkürzt. Semesterferien gibt es praktisch nicht mehr, von angehenden Akademikern ist Mobilität gefordert. Immer weniger junge Leute wollen sich langfristig an den ASV binden. Zumal den Neulingen im Verein die Wartung und „Indienststellung“ der Bootsflotte aufgebürdet wird. Hinzu kommt ein Vorstandsamt, das für ein Jahr übernommen werden muss.

Auch ehemaligen Studenten verlangt die Verbindung viel ab. Das erfährt Claus Schäfer gerade. Als Freiberufler kann er sich ein paar Wochen Auszeit nehmen. Aber die Ungewissheit bedrückt ihn. „Es kann sein, dass sich bald ein Zeitfenster schließt. Dann ist die Reise auch für mich vorbei.“ Bevor sie angefangen hat.

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