Sport : Sehnsucht nach der Langeweile

Daniel Pontzen

Für die Fans des FC Bayern war das neu. Die Freunde des Münchner Erfolgsvereins sind Siege gewohnt, in allen Variationen. Siege in der Bundesliga, in der Champions League, im Pokal, hohe Siege, knappe Siege. Achtmal sprachen die Zahlen in dieser Saison schon für den FC Bayern, wenn man im heimischen Olympiastadion einen Gegner empfing. Meist jedoch chiffrierten die schnöden Ziffern ein Ereignis von geringem Erlebniswert. "Langeweile" hatte selbst Trainer Ottmar Hitzfeld beim letzten Heimsieg gegen den Hamburger SV verspürt.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Gegen Wolfsburg war ihm nicht langweilig. Es gab aber auch keinen Sieg. 3:3 (2:1) trennte sich der FC Bayern vom VfL und hat nun bereits sechs Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Bayer Leverkusen. "Wir haben zwei Punkte verloren, die uns sehr wehtun", bilanzierte Hitzfeld wenig amüsiert.

Dabei hatte alles so gewöhnlich angefangen. Zusätzlich motiviert durch drei Bundesligaspiele ohne Sieg, bemühten sich die Bayern, sich der Pflichtaufgabe Wolfsburg standesgemäß zu entledigen. Zunächst sah es aus, als sollte man die reduzierten Kraftreserven nach der Weltreise Tokio-Berlin-Nantes schonen können. 2:0 führten die Bayern nach 18 Minuten, nachdem beiden Stürmern des Rekordmeisters jeweils ein Kopfballtor aufgedrängt worden war. Zunächst ignorierte Maik Franz eine Flanke des nach viermonatiger Verletzungspause erstmals von Beginn an eingesetzten Mehmet Scholl. Claudio Pizarro wusste die unerwartete Freiheit vor dem gegnerischen Tor zu nutzen. Ähnlich passiv verhielt sich Stefan Schnoor wenig später bei einer Lizarazu-Hereingabe. Diesmal bedankte sich Giovane Elber.

Bis hierher wirkte das Spiel wie eine Blaupause des prototypischen Bayern-Sieges. Sechs Mal schon reichte der Hitzfeld-Elf eine kurze Energieleistung, die sich in zwei oder drei frühen Toren ausdrückte und der meist eine spröde aber ebenso souveräne Ergebnisverwaltung folgte. Diesmal war es anders. "Nach dem 2:0 haben wir nur gewartet, dass der Gegner das Spiel macht. Das ist für den FC Bayern zu wenig", sagte Elber, Ersatzkapitän in Abwesenheit der noch verletzten Oliver Kahn und Stefan Effenberg. Auch Gästetrainer Wolfgang Wolf war das allzu frühe Zurückschalten des Gegners aufgefallen. "Sie haben wohl gedacht, das Thema sei erledigt." War es nicht.

Der Knackpunkt: Samuel Kouffour schaute zu, als Tomislav Maric nach unfreiwilliger Lizarazu-Vorlage den Anschluss herstellte. "Das hat uns nervös gemacht", stellte Hitzfeld fest. Auch nach dem Wechsel ließ die Schockwirkung nicht nach. Pablo Thiam wehrte einen Eckstoß zu kurz ab. Dietmar Kühbauer nutzte die Vorlage mit einem strammen 18-Meter-Schuss zum Ausgleich. Das 3:2 der Bayern entsprang einem verunglückten Befreiungsschlag Tobias Raus, den erneut Pizarro verwertete.

Ergebnis drückender Überlegenheit war die Führung nicht. Im Gegenteil, die Wolfsburger leisteten erheblichen Anteil zu einem "offenen Schlagabtausch" (Wolf), den Maric mit einem herrlichen Schlenzer vom Strafraumeck krönte. Drei Gegentore im eigenen Stadion - so recht hatte auch das beim FC Bayern 2001 niemand für möglich gehalten. Mit zuvor sieben Gegentreffern aus 15 Spielen hatte man gerade einen neuen ewigen Ligarekord gesetzt. "Die Abwehr trifft nicht die alleinige Schuld", sagte Hitzfeld, "wir haben vor allem im defensiven Mittelfeld viele Fehler gemacht." Insbesondere Pablo Thiam, nach acht Spielen erstmals wieder von Anfang an dabei, schien mit seiner Rolle als Defensiv-Antreiber überfordert. Erst nach dem 3:3 knüpften die Gastgeber an die Leistung der Anfangsphase an. Lizarazu und der eingewechselte Carsten Jancker hätten dem FC Bayern beinahe noch das Déjà-vu eines Last-Minute-Tores beschert, doch beide scheiterten per Kopf. So mussten sich die Bayern-Fans damit trösten, einmal ein interessantes Fußballspiel gesehen zu haben. Langeweile ist ihnen lieber.

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