Sport : Sehnsucht nach der Vergangenheit

Wenn Bayer Leverkusen sich wieder Fehlpässe leistet, rufen die Fans nach Michael Ballack – heute kehrt er wirklich zurück

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Von Erik Eggers

Leverkusen. Reiner Calmund tat alles, um Desinteresse zu signalisieren. Der Manager von Bayer Leverkusen saß neben Trainer Klaus Toppmöller, als dieser die Lage vor dem Spiel des Jahres gegen Tabellenführer Bayern München zu analysieren versuchte. Im Normalfall greift sich Calmund im Anschluss daran noch das Mikrofon, um seine Metaphern unters Medienvolk zu bringen. An diesem Tag aber blätterte er lustlos in dem frisch produzierten Programmheft, die gesamten 20 Minuten hindurch, in denen Toppmöller die Fragen beantwortete. So als ob er sich felsenfest vorgenommen hätte, jedes Wort darin auswendig zu lernen. Die Botschaft hinter der suggerierten Langeweile: Business as usual, die Arbeit der Fußball-Abteilung soll weiter ungestört ihren Gang gehen. Selbst nach den letzten vier Niederlagen und Platz 15 in der Bundesliga. Die böse Vokabel Krise, sie soll vermieden werden.

Doch so ganz können die Verantwortlichen ihr angegriffenes Nervenkostüm nicht verbergen. Toppmöller etwa reagierte vor dem Bundesligaspiel gegen den FC Bayern genervt auf die Fragen nach den beiden Rückkehrern. Zé Roberto, der beste Vorlagengeber der letzten Saison, spielte dabei eine untergeordnete Rolle; alles konzentrierte sich auf den aktuellen „Spieler des Jahres“ in Deutschland. „Michael Ballack spielt jetzt in München“, stellte Toppmöller gereizt fest, aber natürlich hoffe er, dass dieser von den Zuschauern höflich empfangen werde. Eine überflüssige Aufforderung, denn bei den Zuschauern ist Ballack wahrlich nicht in Vergessenheit geraten: Sie skandieren stets seinen n, wenn sich die eigene Mannschaft neuerdings in Fehlpässen ergeht.

Wie kein anderer verkörpert Ballack, laut Bayern-Trainer Hitzfeld „torgefährlichster Mittelfeldspieler der deutschen Fußballgeschichte“, den einstigen Leverkusener Angriffsfußball. Dabei fehlt es Bayers Spiel momentan nicht allein an seiner außergewöhnlichen Effektivität vor dem Tor; an seiner Person lässt sich ebenso das mangelhafte Kopfballspiel nach Standardsituationen festmachen. Zudem leidet die Leverkusener Defensive an dem Verlust der physischen Dominanz, die den Mittelfeldspieler auch noch in Leverkusen auszeichnet.

Kein Leverkusener besitzt auch nur eine ähnliche Omnipräsenz, und so bat Toppmöller fast flehentlich um Geduld bei der Entwicklung neuer Ballacks in Leverkusen. „Ich habe ein paar richtige gute Jungs im Kader“, sagt der Trainer. „Als Ballack in deren Alter war, hat er noch bei Kaiserslauterns Amateuren gespielt – und ist ausgewechselt worden.“ Toppmöller meint Spieler wie den 21-jährigen Kroaten Babic, der nach seiner ausgezeichneten Partie gegen Manchester United erneut den Tschechen Jan Simak ersetzen wird. Der als Nachfolger Ballacks Eingekaufte ist laut Toppmöller „nervlich nicht so stabil, dass ich ihn von Anfang an bringen könnte“. Vor allem der Unterschied namens Ballack lässt ebenfalls vermuten, dass sich die Situation in Leverkusen nach dem Spiel gegen die Bayern nur in einem Punkt stabilisieren wird: in der Niederlage.

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