Sport : Sehnsucht nach Ruhe

Der 1. FC Union muss auch die Sponsoren besänftigen

André Görke

Berlin. Heiner Bertram stand in der Kälte. Drinnen, in der Treptower „Arena“, stritten die Mitglieder des 1. FC Union noch so laut, dass der Lärm auf der Straße zu hören war. Auch für Bertram, den ehemaligen Präsidenten, und der genoss diesen Moment. „Ich weiß ja nicht, wie Sie es sehen. Aber wenn Sie mich fragen: Ich halte die Herren für unfähig.“ Dann hörte Bertram wieder die Pfiffe. Er war zufrieden.

Die Herren, die Bertram meinte – sie bilden den Aufsichtsrat des Berliner Fußball- Zweitligisten 1. FC Union. Sie hatten Bertram vor sechs Wochen entmachtet und stellten sich am Samstag den Mitgliedern. „Wenn kein Vertrauen in den Aufsichtsrat vorhanden ist, dann gehe ich“, sagte dessen Vorsitzender Uwe Rade. Die knapp 800 Mitglieder dachten nach, und sie entschieden nicht, wie sonst bei Fußballfans üblich, mit dem Bauch, sondern mit dem Kopf: Der Aufsichtsrat bleibt bis zur nächsten Mitgliederversammlung im Mai 2004 im Amt. Aufsichtsratschef Rade sagte: „Wir haben Zeit gewonnen.“

Zeit wofür? Im Dezember wird es bei Union eine Liquiditätslücke von 180 000 Euro geben. „Bis dahin müssen wir gravierende Entscheidungen treffen“, sagte Rade. Welche? „Kein Kommentar.“ Neue Geldgeber werden frühestens zur Rückrunde in den Klub investieren. Die Eintrittspreise wird der Verein anheben müssen, aber wohl erst im Sommer. Aber bis Dezember?

„Wir müssen in erster Linie unsere Sponsoren beruhigen“, sagt Klaus Ulbricht, Aufsichtsratsmitglied und Bürgermeister von Treptow-Köpenick. Er spricht ein bisschen über die Hektik und die über Union kursierenden Gerüchte in Unternehmerkreisen. Er sagt, „dass ich mich um diese Punkte kümmern werde. Wir brauchen die Hilfe der Sponsoren. Aber dafür brauchen wir Ruhe.“ Die BSR, der Hauptsponsor, wird einen Platz im Aufsichtsrat einnehmen. Alle anderen Projekte stehen „erst mal hinten an“, sagt Ulbricht. „Wir müssen jetzt nicht von einem Stadionneubau reden. Wir sind für das Projekt, haben jedoch eine andere Vorstellung als Herr Bertram.“

Der Stadionumbau ist die langfristige Perspektive. Am Sonnabend kam aber nicht einmal die kurzfristige zur Sprache. Der neue Präsident Jürgen Schlebrowski monierte das nach der Versammlung, aber viel erzählen wollte auch er nicht. Der Verein bereite gerade die Lizenzunterlagen für die neue Saison vor und lasse den Klub von Wirtschaftsprüfern durchchecken. Das alte Präsidium um Heiner Bertram hatte bei der Lizenzierung von der Deutschen Fußball-Liga keine Auflagen erhalten. Daran wird sich das neue Präsidium messen lassen müssen. „Es wird jedenfalls nicht einfach“, weiß Präsident Schlebrowski. „Unsere Zahlungsmoral war zuletzt nicht die beste.“ Von Forderungen von 250 000 Euro ist die Rede.

Ohne den sportlichen Erfolg mache all die Arbeit aber keinen Sinn, sagt Schlebrowski. „Aber ich glaube daran: Mit der Mannschaft ist ein Mittelfeldplatz zu erreichen.“ Vor fünf Wochen, nach Bertrams spektakulärer Entlassung, war da mehr Skepsis.

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