Sport : Sehnsucht nach Sampras

Seit acht Jahren wartet die große Tennisnation USA auf einen Grand-Slam-Titel bei den Männern

Petra Philippsen[New York]
Spätentwickler. Donald Young will endlich etwas aus seinem Talent machen. Foto: AFP
Spätentwickler. Donald Young will endlich etwas aus seinem Talent machen. Foto: AFPFoto: AFP

Als der Regen am Dienstag über New York niederprasselte und den Spielbetrieb auf der Anlage in Flushing Meadows unmöglich machte, kehrten unweigerlich die Erinnerungen an die US Open 2003 zurück. Damals war das Turnier so verregnet gewesen wie seit Jahren nicht, tagelang mussten die Spieler tatenlos ausharren. Die meteorologische Trostlosigkeit hellte sich am Ende durch den Sieger wieder auf: Der Amerikaner Andy Roddick gewann seine erste Grand-Slam-Trophäe. Doch es sollte auch seine letzte bleiben, und die achtjährige Durststrecke, die seither folgte, ist die längste, die die USA je erdulden mussten. Dass es nun zumindest vier der Ihren erstmals seit 2003 wieder ins Achtelfinale der US Open geschafft haben, feierten die Fans in Flushing Meadows dann auch wie die Rückkehr zu den glanzvollen Tagen. „Amerikas Auferstehung“, titelten die großen Blätter bereits. Doch der Jubel kommt wohl etwas verfrüht.

Verständlich ist die Ungeduld jedoch, schließlich hatte ihre Nation in den letzten 40 Jahren die großen Champions gleich dutzendweise hervorgebracht. Dass der inzwischen 29-jährige Hoffnungsträger Roddick die Lücke nicht zu schließen vermochte, die Pete Sampras, Andre Agassi und Jim Courier vor zehn Jahren hinterlassen haben, hatte sie tief enttäuscht. Obwohl der Texaner ein Jahrzehnt lang immer in den Top 20 stand und meistens sogar zu den besten zehn zählte. Für die erfolgsverwöhnten Amerikaner war das nicht gut genug.

Zehn Spieler stehen derzeit unter den besten 100, doch ein Grand-Slam-Titel wird keinem von ihnen zugetraut. Nicht einmal Mardy Fish, dem Weltranglistenachten. Mit etlichen Kilos zuviel hatte Roddicks bester Kumpel seine vielversprechende Karriere zugebracht. Erst seitdem der 29-Jährige vor einem Jahr abspeckt hat, kam der Erfolg. In New York allerdings schied Fish am Montag in einem fünf Sätze dauernden Nervenkrimi gegen den Franzosen Jo-Wilfried Tsonga aus. Die furiose Leistung Fishs zeigte, wie weit es das amerikanische Herrentennis bereits wieder gebracht hat, aber gleichzeitig auch, welch weiten Weg es noch vor sich hat. Denn längst haben andere Länder das Kommando im Tennis übernommen: aus Serbien (Novak Djokovic), Spanien (Rafael Nadal), der Schweiz (Roger Federer) und Großbritannien (Andy Murray) stammen die besten vier, und es wird erwartet, dass die verbliebenen Amerikaner Roddick, John Isner und Donald Young an ihnen scheitern werden. „Wir sind mitten im Wiederaufbau“, sagte Patrick McEnroe, der beim Verband für die Spielerentwicklung zuständig ist. „Das Ziel ist, Grand Slams zu gewinnen, aber das braucht seine Zeit. Und wir können nicht darauf warten, dass ein zweiter Sampras vom Himmel fällt.“

Doch zumindest macht ihnen da plötzlich einer Hoffnung, den die Amerikaner längst abgeschrieben hatten: Donald Young. Mit 15 Jahren war dieser Chicagoer Junge, der seine Baseballmütze stets schief trägt, Profi geworden. Er stürmte mit 16 Jahren und fünf Monaten so früh wie niemand vor ihm an die Spitze der Juniorenweltrangliste. Aber Young zerbrach am enormen Erwartungsdruck. Sieben Jahre lang trieb er sich mit mäßigem Erfolg auf der zweitklassigen Challenger-Tour herum. In New York hat der 22-Jährige mit Stanislas Wawrinka und Juan Ignacio Chela endlich zwei Schwergewichte eliminiert. „Ich wollte so einfach nicht mehr weitermachen“, sagte Young, der im Winter erstmals eine professionelle Vorbereitung samt Fitnesstraining absolviert hatte, „besser ich lerne spät als nie“. Nach dem Geschmack der Amerikaner hätte es gerne früher sein dürfen.

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