Sport : Sehnsucht nach Sesshaftigkeit

Nach langen Wanderjahren hofft William Avery bei Alba auf mehr Kontinuität

Helen Ruwald

Berlin - Für Sammler ist William Avery ein Schnäppchen. Sechs Dollar kostet eine Autogrammkarte des Basketballprofis im Trikot der Minnesota Timberwolves bei autograph-cards.com. Dass es sehr viele Interessenten gibt, ist zumindest fraglich, die Karte stammt aus dem Jahr 2000, und einen allzu nachhaltigen Eindruck hat der neue Spielmacher des Bundesligisten Alba Berlin in der NBA nicht hinterlassen. Er stand zwar von 1999 bis 2002 in 142 Spielen auf dem Platz – im Schnitt allerdings nicht mehr als achteinhalb Minuten. Für Alba Berlin hingegen ist der 27 Jahre alte US-Amerikaner kein Schnäppchen, ein international erfahrener Aufbauspieler hat seinen Preis. Und die Anforderungen an Avery sind groß: Er soll nicht weniger tun, als Berlin nach drei Jahren endlich wieder zum deutschen Meistertitel zu führen.

Der Neue ist ein Stück größer, vor allem aber kräftiger als sein nach Spanien abgewanderter Vorgänger Hollis Price und auch ein anderer Spielertyp. „Price lebte von seiner extremen Schnelligkeit und Wuseligkeit. Das hatte aber auch Nachteile“, sagt Alba Berlins Geschäftsführer Marco Baldi vor dem Saisonauftakt heute gegen die Telekom Baskets Bonn (17.05 Uhr, Max-Schmeling-Halle, live bei Premiere), „Avery steht für mehr Kontrolle und Organisation. Er ist fröhlich und kommunikativ.“ Zudem ist er schon aufgrund seiner Statur in der Defensive durchsetzungsfähiger als Price. Seine Qualitäten bewies er im Champions Cup zwischen Pokalsieger Alba und Meister Köln vor zehn Tagen: 20 Punkte, sechs Korbvorlagen und vier Ballgewinne lautete die Bilanz beim 74:75, in allen drei Bereichen war er der beste Mann auf dem Feld.

Avery weiß, was er kann, und er ist selbstbewusst. Dass er von Trainer Henrik Rödl erstmals in seiner Profikarriere zum Kapitän ernannt würde, „hatte ich erwartet. Ich bin reif genug dafür und in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Schließlich bin ich auch als Spielmacher der Anführer.“ Einen riesigen Schub bekam sein Selbstbewusstsein schon in jungen Jahren, als er 1999 nach nur zwei Jahren an der Duke University von den Minnesota Timberwolves gedraftet wurde – in der ersten Runde an 14. Stelle, noch vor den heutigen NBA-Stars Ron Artest und Andrej Kirilenko. Mike Krzyzewski, Trainerlegende der Duke University und 2006 Coach des US- Teams bei der WM in Japan, prophezeihte Avery, dass er für die NBA nicht reif sei. Doch der damals gerade 20-Jährige hörte nicht auf ihn, brach die Collegeausbildung ab und unterschrieb einen mit 3,5 Millionen Dollar dotierten Dreijahresvertrag. Er habe seine Familie finanziell unterstützen wollen, sagt Avery heute. Was folgte, war „die größte Lernerfahrung meines Lebens, aber ich bereue die Entscheidung nicht“.

Den wirklichen Durchbruch schaffte er allerdings nie, 2002 wechselte er schließlich nach Europa. In vier Jahren ging er bei sechs Teams in vier Ländern auf Korbjagd, in Straßburg, Kozani (Griechenland), Tel Aviv, Jerusalem, Mariupol (Ukraine) und zuletzt bei Panionios Athen. Getrieben wurde er von dem Hunger auf Basketball („Von der Ukraine wusste ich gar nichts, ich wollte aber nicht zu Hause rumsitzen, sondern spielen.“) und dem Wunsch, einen Meistertitel zu gewinnen, was ihm aber nicht gelang. Weil die Teams immer wieder neu zusammengestellt wurden und Avery die Erfolgschancen sinken sah, zog er ständig weiter. „In Berlin habe ich, glaube ich, meinen Platz gefunden. Es wäre großartig, wenn diese Mannschaft zusammenbleiben würde“, sagt er schon vor dem ersten Pflichtspiel. Mit zunehmendem Alter wächst nicht nur die Sehnsucht nach Sesshaftigkeit, sondern auch das Ruhebedürfnis seines Körpers. Jahr für Jahr hat Avery in der Summerleague der NBA vorgespielt, drei Jahre lang hatte er keinen Urlaub. Damit soll nun Schluss sein, künftig will er seinen geschlauchten Körper pfleglicher behandeln. Der Fokus soll künftig ganz Europa und damit Alba gelten. Das zumindest nimmt er sich vor. Denn dass er die NBA ganz aus seinen Gedanken gestrichen hat, „das zu behaupten wäre eine Lüge“.

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