Sport : Sehnsucht nach Sonne

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Von Helmut Schümann

Das war schon zu ahnen, dass das kein Gespräch unter Freunden werden würde. Jan Lengerke, Büroleiter von Gerhard Mayer-Vorfelder, hatte zur Instruktion in den Nebenraum des Chefzimmers gebeten. Lengerke ist ein jung gegelter Dynamiker und, um das mal klar zu stellen, „um den Claim abzustecken“, wie er sagt, wolle er vorab die Themenbereiche ausklammern, zu denen der Präsident des Deutschen Fußball- Bundes nicht befragt werden dürfe. Gemeint sind juristisch schwebende Verfahren, Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Veruntreuung, Steuerhinterziehung und Betruges. Und gemeint ist wahrscheinlich – das sei mal zu Gunsten Lengerkes angenommen – dass der Präsident auf diesbezügliche Fragen keine Antworten geben werde.

Von Freitag an wird in Südkorea und Japan der Fußball-Weltmeister ermittelt, vorab tagt der Weltverband Fifa und wählt am heutigen Mittwoch in Seoul seinen neuen Präsidenten. Hier wie dort wird Deutschland von Gerhard Mayer-Vorfelder, 69, repräsentiert. Von jenem Mann, der nun seit einem Jahr im Amt des DFB-Präsidenten ist und den in dieser Zeit die Skandale der Vergangenheit einholten. Die zurückliegenden Jahre hat Mayer-Vorfelder als Kultusminister von Baden-Württemberg verbracht, später als Finanzminister des Landes, parallel dazu als Präsident des VfB Stuttgart, in zahlreichen anderen Positionen als Funktionär und Aufsichtsrat – und weil die Staatsanwälte erhebliche Zweifel hegen, dass bei all den Ämtern alles seinen sauberen Gang gegangen ist, passt auch gut ins Bild, dass Mayer-Vorfelder bei der Wahl des Fifa-Präsidenten dem Kandidaten Joseph Blatter uneingeschränkte Solidarität zugesichert hat. Blatter gilt als die personifizierte Machtgeilheit und Korruption im Weltfußball.

Nein, es läuft nicht gut für Mayer-Vorfelder, und wie er so da sitzt in seinem Stuttgarter Büro, zu dem der gestrenge Herr Lengerke doch noch die Pforten geöffnet hat, ist ihm das anzusehen. Aus besseren Tagen hat Mayer-Vorfelder noch seinen Gebrauchsn gerettet: MV, mehr ein Signet als eine Abkürzung. EmmVau, das stand immer für Prägnanz und Präsenz, für den Politfunktionär, den man nicht mögen, aber beachten muss. EmmVau, das war auch stets wie Punktum. Dass dieser macht- und kraftbewusste MV sich zum Interview einen Aufpasser zur Seite setzt, vor wenigen Monaten noch wäre das undenkbar gewesen. „Na, ja, kann sein, dass ich manchmal das Gefühl habe, in die falsche Schublade gesteckt zu werden“, sagt Mayer-Vorfelder.

Der deutsche Fußball-Boss in der Defensive, das ist eine ungewohnte Erfahrung. Als „Mayer-Vorderlader“ wurde er mal verballhornt, gewiss nicht, weil er Zurückhaltung zum Programm erhoben hat. Aber wie und wen sollte er jetzt attackieren? Etwa die Staatsbeamten, die untersuchen, ob es rechtens war, dass der VfB Stuttgart 300 000 Mark an MV als Darlehen vergab und später rückwirkend als Aufwandsentschädigung deklarierte? Nebenbei überprüfen sie auch noch, ob MV nach dem Ausscheiden als Finanzminister alle Bezüge und Übergangsgelder ordentlich versteuert hat, ob er nicht überhaupt betrogen hat, als er Ministergehalt und Aufwandsentschädigung kassierte. Da kann Mayer-Vorfelder noch oft betonen, er habe in dieser Sache ein „absolut reines Gewissen“, auch seinen Lengerke vorpreschen lassen mit der Ankündigung einer baldigen Erklärung. In der Woche vor Pfingsten schritten dennoch zehn Beamte der Staatsanwaltschaft Stuttgart in den Räumen des VfB zur Razzia wegen Verdachts der Untreue.

Gute Taten für die Jugend

Da berichtet Mayer-Vorfelder lieber von den guten Taten des abgelaufenen Amtsjahres. Vom Außerordentlichen Bundestag des DFB, auf dem er dem Nachwuchs zehn Millionen Euro zur Verfügung stellte. Davon, dass er sein „Amt gut ausfüllt und mit Erfolg ausfüllt“, dass er Rudi Völler für das Amt des Teamchefs der Nationalmannschaft gewann, und dass er eine Regionalliga-Reform auf den Weg gebracht hat, die mit großer Mehrheit von den Amateurklubs begrüßt wird. Doch wie er berichtet, mit abgewandtem Körper, den Blick auf den Boden gerichtet, dahin, wo die Sonne durch den Türspalt hineinschlüpft, er selbst aber nicht hinausschlüpfen kann – das spricht eine andere Sprache.

Vor ein paar Jahren noch residierte er in der Stuttgarter Staatskanzlei. Auch damals hatte er zum Gespräch geladen. Ganz hinten im großen Raum hatte Filbingers machtheischender Schreibtisch gestanden, den MV vom vormaligen Ministerpräsidenten geerbt hatte, in der Ecke die Deutschland-Fahne, groß wie ein Bekenntnis, und MV hatte die Krawatte gelockert, die Ärmel hochgekrempelt, Kaffee geordert, die Roth-Händle angezündet und gemacht. Hatte sich in Verve geredet über das Spannungsverhältnis von Filbingers barockem Schreibtisch und Ackermanns abstrakter Malerei an den Büro-Wänden und über das Spannungsverhältnis von kommerzieller Notwendigkeit im Fußball und der Leidenschaft für den Sport. Und der DFB-Präsident Mayer-Vorfelder? Fast hockt er, zugeknöpft ist er, schaut mal den Lengerke an, mal den Türspalt und brummelt als Erklärung für die viele, harsche Kritik des vergangenen Jahres: „Ich habe immer polarisiert. Meine politische Position ist der Grund. Jeder Politiker mit Profil ist umstritten, und den anderen wird vorgeworfen, kein Profil zu haben.“ Wenig spannend, und spannend ist in seinem Büro auch nichts mehr.

Keine Frage, Mayer-Vorfelder ist beleidigt. Wie auch nicht? Der VfB Stuttgart, den er 25 Jahre geleitet hat, durchaus auch mit Erfolg, tritt nach, wirft ihm im Wochenrhythmus Misswirtschaft vor, „das ist schon eine bittere Erfahrung“. Der große Fußball zieht an ihm vorüber, nun, da Mayer-Vorfelder endlich Präsident ist und doch nur die Jugend, die Amateure und das Schiedsrichterwesen zu präsidieren scheint. Der Profifußball aber wird bestimmt von den Widersachern aus München. Die Politik? „Vergessen Sie’s“, sagt ein hochrangiger Fußballfunktionär ohne Namensnennung, „kurz vor der Wahl zum DFB-Präsidenten verlautete aus dem Bundeskanzleramt noch die bange Frage, ob der MV nicht zu verhindern sei.“ Wenn’s stimmt, nicht schön für Mayer-Vorfelder, und wenn’s nicht stimmt – allzu herzlich saß auf jeden Fall Mecklenburg-Vorpommerns sozialdemokratischer Ministerpräsident Harald Ringstorff beim Länderspiel gegen die USA nicht neben Mayer-Vorfelder auf der Rostocker Tribüne. Fast demonstrativ unterhielt sich Ringstorff mit seinem linken Nachbarn, rechts betrachtete Mayer-Vorfelder reichlich isoliert das Treiben auf dem Rasen.

Ob er da schon ahnte, dass auch sein letzter Trumpf nicht zu stechen scheint, dass sein Engagement im großen, globalen Geschäft mit dem Fußball ein riskantes Unternehmen ist? Erst seit ein paar Wochen ist Mayer-Vorfelder wieder Mitglied im Exekutiv-Ausschuss der Fifa, dem obersten Gremium des Weltverbandes, aus dem er 1998 herausgewählt wurde. Nun vor der Wiederwahl hatte er noch auf die Kraft seines alten Kumpanen Joseph Blatter gehofft, doch die scheint zu versiegen. Tagtäglich wird Blatter mit im Grunde genommen ungeheuerlichen Vorwürfen konfrontiert: Korruption, Begehrlichkeit, diktatorische Amtsführung. Nicht etwa erhoben von missliebiger Presse, sondern von langjährigen Mitstreitern wie dem Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen. Immerhin dazu wusste Mayer-Vorfelder doch noch etwas zu sagen. „Ich kann nicht über jede Äußerung urteilen“, zum Beispiel. Oder: „Die Anschuldigungen sind erst einmal nur Vorverurteilungen. Ich brauche Nachweise, um von Blatter abzurücken.“ Und: „Ich kenne die Vorgänge in der Fifa nicht.“

Die nutzlose Zigarettenschachtel

Nun, tatsächlich weiß er schon noch, wie das funktioniert mit dem Geben und Nehmen in den Fußball-Funktionärsebenen. Ist erst drei Jahre her, dass er selbst in die Exekutive des europäischen Verbandes gehievt wurde, und sich dabei starker Unterstützung des tschechischen Verbandspräsidenten Chvalovski erfreute. Dessen Sohn, ein mäßig begabter Torhüter, erfreute sich kurz darauf eines Vertrages beim VfB Stuttgart, eine zufällige Entscheidung der sportlichen Leitung, wie Mayer-Vorfelder seinerzeit erläuterte. Zum Einsatz kam der junge Mann nie.

Sei’s drum. Wenn Mayer-Vorfelder in seinem Stuttgarter Büro die Unschuld vorgibt, dann erlangt seine Körpersprache neue Aussagekraft. Wenn er sich windet in seinem Stuhl, nach den Marlboros greift und sie wieder verwirft, dann wirkt er so, als quäle er sich zu den harmlosesten Worten, um nicht den alten Weggefährten Blatter zu verärgern und die zur Macht drängende Opposition auch nicht. Fast ist man versucht, darin Tröstliches zu entdecken, weil der alte politische Instinkt noch wach zu sein scheint, wonach die Intrige erst am Ende, nach der heutigen Wahl in Seoul, entschieden ist. Aber eben nur fast, weil der alte MV einst nicht gezaudert, sondern die Sache selber in die Hand genommen hätte. Vielleicht werde man sich ja in Asien wiedersehen, meint Mayer-Vorfelder zum Abschied. Etwa zum Endspiel in Japan? „Ach nein, so vermessen bin ich nicht mehr“, sagt Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes.

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