• Sehr groß, sehr eklig, sehr hässlich - Der etwas andere olympische Rekord: 71 Prozent der Australier sagen "No" zu den Spielen - machthungrige Funktionäre

Sport : Sehr groß, sehr eklig, sehr hässlich - Der etwas andere olympische Rekord: 71 Prozent der Australier sagen "No" zu den Spielen - machthungrige Funktionäre

Adrian Plitzco,Ernst Kindhauser

Kein vernünftiger Mensch nähme die Herausforderung an, in Sydney Olympische Spiele aus dem Boden zu stampfen: Zu dieser Erkenntnis gelangte vor zwei Jahren ein australisches Komikerduo. Es porträtierte in einer Fernsehserie zwei Männer von immenser Engstirnigkeit, die diese Aufgabe wider besseres Wissen anpacken wollten.

Die Australier schlossen die Komiker in ihre Herzen. Amüsiert verfolgten sie das fiktive Paar, das von einem Fettnäpfchen ins andere trat. Doch bald wurde deutlich, dass sich hinter den Kulissen des Sydney-Olympiakomitees (Socog) Ähnliches abspielte. Die Fernsehserie mauserte sich schnell zu einer Vorwegnahme der Wirklichkeit: Was als Parodie gedacht war, wurde wenige Monate später in Form handfester Skandale bitterer Ernst. Diese Skandale vorauszusagen, behauptet das Komikerduo, sei keine Zauberei gewesen: Für das kleine Australien seien die bevorstehenden Olympischen Spiele in Sydney ein paar Nummern zu groß.

"It is very big, very nasty and very ugly" - sehr groß, sehr eklig und sehr hässlich sei die Angelegenheit, gibt selbst Sandy Hollway zu, der Generaldirektor des Socog. Vor zwei Monaten hatte er seinen Rücktritt erwogen. Kaum hatte er sich zum Weitermachen überreden lassen, lief er Gefahr, entlassen zu werden. Er wäre einer unter den vielen in Ungnade gefallenen Präsidenten und Direktoren gewesen. Was Hollway verzweifeln lässt: Neun Monate vor Eröffnung der Spiele haben die Australier, ein sportbegeistertes Volk, das Vertrauen ins Socog und den Glauben an die olympische Idee verloren. Aus einem Fest für Athleten sei eines für machthungrige Funktionäre geworden, heißt es down under. Finanzierungsnöte, Skandale um den Verkauf von Eintrittskarten sowie verärgerte Sponsoren setzten den Organisatoren zu. Laut einer Umfrage wollen derzeit 71 Prozent der Australier von den Spielen nichts mehr wissen. Ein etwas anderer olympischer Rekord.

Begonnen hat das Unheil im vorigen Oktober mit dem Verkauf von überteuerten Eintrittskarten. Ursprünglich war vorgesehen, von insgesamt 9,6 Millionen Tickets drei Millionen für Sponsoren und ausländische Besucher, 1,6 Millionen für Medien und Sportverbände und fünf Millionen für die Australier zu reservieren. Davon stünden der Allgemeinheit 3,5 Millionen zur Verfügung, versicherte das Socog, 1,5 Millionen zusätzlich für arme Australier. Tatsächlich aber wurden 325 000 Karten mit einem Aufpreis bis zu 300 Prozent an Sponsoren und Firmen verkauft. Damit sollte das Minus von 150 Millionen Franken bei den Marketing-Einnahmen ausgeglichen werden. Nach heftiger öffentlicher Kritik hat das Socog inzwischen die Rückerstattung von rund drei Millionen Franken an 200 000 enttäuschte Privatkunden angeboten.

Seither ist Olympia für viele Australier ein Reizwort. Im Stadtteil Bondi Beach wehrten sich die Bewohner, in die Spiele einbezogen zu werden. Niemand war bereit, wegen des zweiwöchigen Beachvolleyball-Turniers den gewohnten Lebensstil am Stadtstrand aufzugeben. Nach endlosen Kontroversen wird das 10 000 Sitzplätze umfassende Stadion nun doch gebaut, manche Bewohner planen, ihre Wohnungen während der Spiele demonstrativ zu verriegeln. Auch in den ländlichen Gebieten Australiens ist Olympia out. Kleinbetriebe, die sich lukrative Aufträge erhofft hatten, fühlen sich übergangen, weil das Socog für den Druck der Eintrittskarten oder die Fahnenherstellung ausländische Firmen beauftragte. Der Ausbau von Straßen und Krankenhäusern schleppt sich dahin, weil die Regierung die dafür vorgesehenen Gelder ins hungrige Loch des Olympiabudgets stopft.

Die Ursachen der Misere liegen weit zurück. John Coates, Präsident des Australischen Olympischen Komitees (AOC), hatte sich in den Achtzigerjahren die Marketingrechte an den olympischen Ringen gesichert. Damit war er seinem Ziel, das AOC in eine finanzkräftige, von der Regierung unabhängige Organisation umzuformen, einen wichtigen Schritt näher gekommen. Ohne den Beistand des jeweiligen nationalen Olympischen Komitees kann eine Stadt sich nicht um die Austragung der Spiele bewerben. Sydney hatte deshalb keine andere Wahl, als sich den Bedingungen des AOC zu unterwerfen. Und die waren happig. Coates verlangte eine einmalige Summe von knapp 200 Millionen Mark sowie die Etablierung einer Sportkommission, die über alles bestimmt, was mit Sport und Olympia zusammenhängt. Der Präsident dieser Kommission heißt John Coates. Der Stadt Sydney, also dem Steuerzahler, wurde es überlassen, gut vier Milliarden Mark aufzubringen, um die nötige Infrastruktur zu erstellen.

Sydney hatte sich 1993 als Olympiastadt im IOC durchgesetzt - gegen das chancenlose Berlin und, mit allerlei schmutzigen Tricks, gegen Peking. Die chinesische Hauptstadt sollte politisch desavouiert werden, zudem wurden die Vorzüge Sydneys den IOC-Mitgliedern mit umgerechnet 50 Millionen Mark schmackhaft gemacht. Der entscheidende Faktor für den knappen Sieg über Peking jedoch war erneut John Coates. Am Vorabend der Wahlen in Monte Carlo beschenkte er die IOC-Mitglieder aus Uganda und Kenia mit je 50 000 Franken für die nationale Sporthilfe. Als in Australien bekannt wurde, wie Sydney sich die Spiele erkauft hatte, war dies für die Organisatoren der erste, folgenschwere Schlag. Dann lud das Socog 1600 Mitglieder amerikanischer Marching-Bands, die man zur Teilnahme an der Eröffnungszeremonie verpflichtet hatte, nach lautstarken Protesten - "Warum keine Australier?" - wieder aus. Die Ausgeladenen verlangen jetzt Schadenersatz in Millionenhöhe. Schließlich gab es Ärger mit den Sponsoren: So warf ein amerikanischer Sportartikelhersteller dem Socog vor, Lizenzen im Merchandising vertragswidrig an die Konkurrenz weitergegeben zu haben. Verliert das Socog den Streit vor Gericht, müsste der Sponsorenbeitrag abgeschrieben werden.

Resultat solcher Misswirtschaft: Dem Socog fehlen 230 Millionen Franken im Budget. Zum Ausgleich müssen jetzt das IOC und die Regierung von Neusüdwales, deren Hauptstadt Sydney ist, Opfer bringen. Sie verzichten auf rund 60 Millionen Mark aus Sponsorengeldern, die das Socog laut Vertrag hätte abgeben müssen. Zudem stellte Socog-Generalmanager Hollway Etatkürzungen in Aussicht. Hinter so viel Enttäuschung verschwinden die Leistungen des Socog. "Keine andere Olympiastadt zuvor hat ihre Sportanlagen so früh fertig gebaut wie wir", behauptet Olympiaminister Michael Knight. Aus dem Schlachthofgelände Homebush Bay ist in Rekordzeit eine Anlage von gigantischem Ausmaß entstanden. Das teuerste Stück, das Stadium Australia, kostete über eine gute Milliarde Mark und zählt mit seinen 110 000 Sitzplätzen zu den größten Olympiastadien der Welt. Alle Anlagen sind schon seit Monaten betriebsbereit.

Das Olympiadorf soll planmäßig im Juni fertig gestellt sein. Die fast ausschließliche Nutzung von erneuerbaren Energien machen es zu einem "grünen" Dorf und zur größten sonnenenergiebetriebenen Wohnsiedlung der Welt. So nimmt der australische IOC-Delegierte Kevan Gosper die Krise gelassen. "Die Vergangenheit zeigt, dass jede Olympiastadt kurz vor den Spielen Krisen durchstehen musste. Sobald die Athleten im Olympiadorf eintreffen, wird die Begeisterung wieder im Vordergrund stehen."

Die Australier hoffen, dass diese Prophezeiung sich genauso erfüllt wie die der Fernsehkomiker.

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