Sport : Sehr kurios, sehr kölsch

Der 1. FC Köln ist auf Bundesliga-Kurs – doch von Harmonie ist vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Union nichts zu spüren

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Von Lorenz Maroldt

Köln. Nie startete der 1. FC Köln besser in eine Saison: Nach sieben Spielen noch immer ungeschlagen, ganz nah dran an einem Aufstiegsplatz, jedes Heimspiel gewonnen, auswärts nur ein einziges Tor kassiert, weiter im Pokal – Volldampf Richtung Fußball-Bundesliga, und Achtung, Europa, sie kommen! Doch damit könnte es schon heute Abend, nach dem Heimspiel gegen den 1. FC Union (20.15 Uhr, live auf DSF), wieder vorbei sein. Nicht etwa, weil die Berliner so stark wären. Nein, der FC steckt mitten in einer spielerischen Krise, daran kann auch die schöne Statistik nichts ändern.

Die Stürmer treffen nicht, die Verteidiger patzen, die Mittelfeldspieler streiten, die Torhüter sowieso und die Neuen, wie Sebastian Helbig aus Cottbus oder Markus Happe von Schalke 04, sitzen beim Anpfiff meist grollend auf der Ersatzbank. Das Torverhältnis ist, gemessen an den gewonnenen Punkten, das schlechtestmögliche, jeder Schlusspfiff ist eine Erlösung. Die Fans auf der schmucken, gerade erst bezogenen neuen Südtribüne auf der Baustelle Müngersdorf pfeifen die Mannschaft jetzt auch nach den Siegen aus, der Geißbock mag schon gar nicht mehr hinsehen, und selbstverständlich ist auch der Trainer, in seiner Ballonseide und mit stetigem Bartschatten ohnehin ein Fremkörper im schicken Köln, längst als Schuldiger der angeblichen Misere identifiziert: Friedhelm Funkel, so raunt das Volk auf der Ehrentribüne, der zu feige aufspielen läßt, manchmal mit nur einem Stürmer, hat bald, nach der ersten Schlappe, schon alles verspielt.

Was sehr kurios, sehr kölsch anmutet, ist in Wahrheit das sicherste Zeichen für eine erstaunliche Wahrnehmungswende, ausgelöst durch den Realitätsschock beim zweiten Abstieg des Bundesliga-Gründungsmitglieds. Lachten früher die Spieler des FC ihre Gegner auch nach verheerenden Niederlagen noch aus, träumten die Fans selbst vom letzten Platz aus von der Meisterschaft, gibt sich heute kaum jemand Illusionen hin. Zu glücklich die Siege gegen Karlsruhe, Duisburg und Lübeck, zu quälend die torlosen Stunden in Aachen und Ahlen, zu kurz nur die kämpferisch glanzvollen Minuten beim gerade noch umgedrehten Spiel gegen Frankfurt. Jedes nächste Spiel, so das dumpfe Gefühl, kann ausgehen, wie es die Mannschaft schon lange verdient: mit einer Niederlage.

Wer, wie zuletzt Mittelfeldspieler Christian Springer nach dem glücklichen 1:1 beim Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig, spielerische Fortschritte zu entdecken meint, wo nur Durcheinander herrscht, wird nicht mehr für voll genommen. Und wenn Manager Andreas Rettig seinen Spielern nach eben jener Partie auch noch zuklatscht, denken alle, die zusehen: Er will sie nur aufmuntern, hoffentlich nicht loben!

Rettig, ein Lehrling von Reiner Calmund, vor Beginn der Saison aus Freiburg gekommen, fordert jedenfalls „besseren Fußball“. Abwehrchef Thomas Cichon, der sich gerade eben lautstark über die angeblich undankbaren Fans beklagte, hält dagegen: „Schön spielen allein hilft nicht“. Da ist etwas dran, alleine schon deshalb: Schön spielen kann beim 1. FC Köln ja wirklich nicht jeder.

Aber einer dann doch: Dirk Lottner. Der Kapitän hatte vergangene Saison maßgeblichen Anteil an der Entmachtung von Trainer Ewald Lienen, den sie in Köln nach dem letzten Aufstieg schon heilig gesprochen hatten und deswegen dann nicht schnell genug wieder loswurden. Lienen nervte Lottner mit dessen schlechten Laktatwerten und verbot ihm, dem eingeborenen Kölner, den Karneval, das Kölsch und setzte ihn sogar auf die Bank. Das konnte nicht gut gehen, das ist ja nun auch überstanden. Aber Lottner mault schon wieder, diesmal wegen Funkels defensiver Taktik. Der gibt sich bisher „absolut nicht unzufrieden“. Dabei weiß Funkel genau: Das reicht nicht. Er braucht dringend einen klaren, schön stürmisch herausgespielten Sieg. Mal sehen, ob er sich traut.

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