Sport : Seidenwurm

Tilmann Warnecke

Wie halten es Menschen in anderen Ländern mit Sex? Wie stehen Männer zu Frauen, Männer zu Männern, Frauen zu Frauen? Mit diesen Fragen bricht 1931 der Berliner Arzt Magnus Hirschfeld auf, der als Erfinder der Sexualwissenschaft berühmt geworden war: in die USA, den Nahen, den Fernen Osten. Das Buch zu seiner „Weltreise eines Sexualforschers“ wirkt zunächst wie der Extrakoffer, aus dem der Lieblingsonkel die Mitbringsel verteilt: Andenken in Form von Anekdoten, ernsthaften, amüsanten, bizarren. Hirschfeld stürzt sich mit Elan auf jedes Land: In Japan besucht er Männer, die im traditionellen Kabuki-Theater Frauen darstellen; in China flattern schwule Seidenwurmmotten vorbei; bei Stämmen in Taiwan dürfen als Zeichen des Matriarchats die Frauen Zigarren rauchen, während Männer sich mit Tabakpfeifen aus Bambus begnügen müssen.

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Aufgeschrieben ist das mit dem vorbehaltlosen Gestus des Forschers – das macht aus der Anekdotensammlung ein kulturhistorisches Dokument, das für seine Zeitgenossen eine Zumutung war und den Leser heute noch ins Grübeln bringt. Hirschfeld räumt mit gern gepflegten Vorurteilen gründlich auf. Gegen den in Europa wütenden Rassismus schreibt er mit einem Lob der Kinder an, deren Eltern aus verschiedenen Ländern kommen. Der Islam, bemerkt er in Ägypten, ist eine Religion, die „in ihrer Sexualbejahung, ja Sexualfreudigkeit von allen anderen Glaubenslehren wesentlich absticht“: aktueller denn je.

Magnus Hirschfeld: Weltreise eines Sexualforschers. Mit einem Vorwort von Hans Christoph Buch. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main. 444 Seiten, 29,50 €.

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