Sport : Sein Gegner ist ein Reich

Timo Boll will sich mit einer WM-Medaille für Olympia in Peking empfehlen

Friedhard Teuffel

Berlin - Wer am Pfingstsonntag in Zagreb das Endspiel für sich entscheidet, der hat gleich zwei Titel auf einmal gewonnen. Zum einen den des Weltmeisters im Tischtennis. Doch es gibt noch mehr zu erreichen: Der Sieger ist auch der Favorit auf den Olympiasieg in Peking im nächsten Jahr, und weil die Spiele im Tischtennis-Land stattfinden, wird es das bedeutendste Turnier, das die Sportart bisher erlebt hat. Sollte am Sonntag tatsächlich ein Nicht-Chinese Weltmeister werden, er gälte als Herausforderer einer ganzen Nation. Er kann sich darauf einstellen, von den chinesischen Medien in den kommenden 15 Monaten so viel Aufmerksamkeit zu bekommen wie kaum ein anderer Sportler der Welt.

Dafür kommen nicht viele in Frage, aber Timo Boll gehört auf jeden Fall zu diesem kleinen Kreis. Es gibt nur wenige Spieler, die wie der 26 Jahre alte Hesse das Potenzial dazu haben, die besten Chinesen zu besiegen. Zurzeit steht Boll in der Weltrangliste auf Position drei, hinter den beiden Chinesen Ma Lin und Wang Liqin. Auf Wang Liqin, den Titelverteidiger, träfe Boll auch im Halbfinale. Bei den Frauen sind die Chinesinnen zurzeit fast unbesiegbar.

Für das am Montag beginnende WM-Turnier hat sich Boll jedoch erst einmal ein ganz anderes Ziel vorgenommen: „Eine Medaille gewinnen.“ Das hat bei einer Weltmeisterschaft schließlich seit 1969 kein Deutscher mehr geschafft, seitdem nämlich Eberhard Schöler Zweiter im Einzel wurde. Es könnte auch der richtige Ort für diesen Erfolg sein, denn in Zagreb gewann Timo Boll seinen ersten großen Titel. 2002 wurde Boll dort Europameister. Es war der erste Höhepunkt eines steilen Aufstiegs, der zwischendurch sogar auf Platz eins der Weltrangliste Halt machte.

Die Chinesen haben Timo Boll seitdem besondere Aufmerksamkeit gewidmet. In ihrem Trainingszentrum in Peking gibt es Spieler, die seinen Stil kopieren. Respekt hat Boll ihnen vor allem mit regelmäßigen Siegen gegen ihre besten Spieler eingeflößt. Das fing 2002 an, als Boll in China ihre besten Spieler besiegte und dort den World Cup gewann.

In Bolls Karriere gibt es allerdings auch einige dunkle Momente, die er mit einer Medaille jetzt noch weiter in den Hintergrund drängen will. Auch 2003 war er schon einmal als großer Favorit zu einer Weltmeisterschaft gefahren, nach Paris – und scheiterte in der zweiten Runde an einem Chinesen aus der zweiten Reihe. Seitdem hat Boll sich jedoch stark verbessert, vor allem in der Athletik. Es ist nämlich nicht unbedingt der Spielwitz und die Technik, in der die Chinesen bisher einen Vorsprung vor dem Rest der Welt hatten. Es waren vor allem die schnellen Beine und die Kondition, die scheinbar spielend bis in die Verlängerung des Entscheidungssatzes reichte. Inzwischen hat auch Boll stark an sich gearbeitet, und es ist kaum vorstellbar, dass er früher mal ein pummeliger Junge war.

Auch an seiner Form und Vorbereitung dürfte es diesmal nicht scheitern. Boll kommt mit der Auszeichnung des amtierenden Europameisters nach Zagreb, vor acht Wochen hat er in Belgrad zum zweiten Mal den Titel im Einzel gewonnen, den im Doppel und mit der Mannschaft holte er sich auch noch. Vorbereitet hat sich Boll in gewohnter Umgebung mit ungewohnten Partnern. Zu sich nach Hause in den Odenwald kamen einige der besten Spieler Europas, der Däne Michael Maze, Dritter der Weltmeisterschaft 2005 und der Österreicher Werner Schlager. Er erfüllte 2003 in Paris die Erwartungen, die eigentlich an Boll gerichtet waren, und wurde Weltmeister. Zagreb ist nun Bolls nächste große Chance, eine ganze Tischtennis-Nation zu besiegen.

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