Sport : Sein Großer Preis

Nach viereinhalb Jahren darf Alexander Wurz am Sonntag wieder bei einem Formel-1-Rennen starten

Karin Sturm[Imola]

Am Dienstagabend trafen die ersten Glückwünsche ein. Erst riefen die Eltern an, dann Freunde und Verwandte. Sie alle wollten sich mit ihm an diesem großen Tag freuen. Nein, Alexander Wurz hat kein Formel-1-Rennen gewonnen. Er darf nur an einem teilnehmen.

Beim Großen Preis von San Marino am Sonntag (14 Uhr, live bei Premiere und RTL) wird Alexander Wurz zum ersten Mal seit viereinhalb Jahren wieder in einem Rennauto sitzen. Am vergangenen Dienstag entschloss sich McLaren-Mercedes, den Österreicher als Ersatzfahrer für Juan Pablo Montoya zu nominieren. Eigentlich hätte er schon vor drei Wochen in Bahrain sein Renncomeback feiern sollen – aber mit seinen 1,86 Meter passte er nicht in das Cockpit des kleinen Kolumbianers. McLaren schaffte es nicht, das Auto rechtzeitig umzubauen.

Im Oktober 2000 hat Alexander Wurz im Benetton seinen letzten Grand Prix bestritten. Damals sah er keine realistischen Siegchancen bei dem Team und entschied sich dafür, als Testpilot zu McLaren-Mercedes zu wechseln. Wurz hoffte, sich auf diesem Weg für ein Renncockpit zu empfehlen – vergeblich. Viereinhalb Jahre lang wurde diese Hoffnung immer wieder enttäuscht. Benetton wurde unterdessen von Renault aufgekauft und fährt momentan von Sieg zu Sieg.

Von Siegen redet Alexander Wurz nicht mehr. Im McLaren hat er zwar durchaus Chancen auf einen Podestplatz, sein größter Erfolg aber ist, dass er überhaupt noch einmal starten darf. „Es gab Momente, da habe ich schon ein bisschen daran gezweifelt, dass es noch einmal klappen würde“, gibt er zu. „Aber zu einem Spitzensportler gehört, dass er nie aufgibt – und das habe ich nicht.“ Auch nicht während der oft endlosen Testtage, die „manchmal doch recht langweilig sein können“, wie Wurz sagt.

Inzwischen ist der McLaren MP4-20 umgebaut, Wurz wird in Imola an den Start gehen. „Es ist einfach geil – und dass sich so viele ehrlich mit mir freuen, das macht mich auch ein bisschen stolz.“ Wurz benötigte das Pech eines Kollegen, um die Startampel noch einmal zu sehen. Juan Pablo Montoya verletzte sich bei einem Sturz über einen Tennisball an der Schulter. Bereits seinen Formel-1-Einstieg 1997 hatte er der Erkrankung seines Kollegen Gerhard Berger zu verdanken. Wenn Wurz richtig Glück hat, wird Montoya eventuell sogar noch beim nächsten Rennen in Barcelona pausieren müssen. „Erst mal fahren wir in Imola, danach reden wir über das nächste Rennen“, sagt Mercedes-Sportchef Norbert Haug.

Diese Philosophie verfolgt auch Alexander Wurz. Schließlich soll dieser Grand Prix nicht sein letzter sein. Mit einer guten Vorstellung kann er vielleicht andere Teams auf sich aufmerksam machen. Denn dass er bei McLaren noch einmal einen regulären Platz als Rennfahrer bekommen wird, daran glaubt selbst der unverbesserliche Optimist Alexander Wurz nicht mehr. Er räumt ein, dass der Druck bei einer solch einmaligen Chance „natürlich da“ sei. „Es hat sich sehr viel verändert in der Formel 1“, sagt er. „Aber als Testpilot bin ich in dieser Entwicklung ja permanent mittendrin. Ich darf mich nicht verrückt machen lassen. Und eigentlich schlafe ich sehr gut.“

Ein Landsmann wird dagegen zurzeit eher schlecht nächtigen. Christian Klien muss sein Red-Bull-Auto in Imola für den italienischen Debütanten Vitantonio Liuzzi räumen. Eine Entscheidung, die nicht unbedingt etwas mit Kliens schlechten Leistungen zu tun hat – immerhin kam der Österreicher bei den ersten drei Rennen dreimal in die Punkte. Aber Teamchef Dietrich Mateschitz hatte Liuzzi, dem letztjährigen Formel-3000-Europameister, bereits vor Saisonbeginn versprochen, dass er nach den ersten drei Rennen ebenfalls drei Einsätze bekommen würde, über das weitere Vorgehen in der Saison würde danach entschieden.

Die Hintergründe sind politischer Natur. Erstens will Mateschitz den talentierten Italiener, schon seit Jahren Mitglied der Red-Bull-Nachwuchstruppe, nicht kurz vor der Formel-1-Reife an ein anderes Team verlieren. Und zweitens passt der gut aussehende 23-Jährige mit den vielen Begleiterinnen und den flotten Sprüchen perfekt zum Image des Getränkeherstellers. Und bei keinen anderen Team ist das Image eben so wichtig. Das beweist auch ein Blick ins Fahrerlager: Die „Red Bull Energy Arena“, ein luxuriöser, dreistöckiger Glaspalast, stellt alles in den Schatten, was es bisher an Teamzentralen an der Strecke gab. Christian Klien hofft trotzdem, dass er sich am Ende in diesem Fernduell durchsetzt: „Schließlich muss Antonio erst mal meine Ergebnisse erreichen.“

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