Sport : Sein zweites Ich

Christian Hönicke

Wer an diesem Wochenende in Monaco war, hatte das Glück, beide Michael Schumachers zu sehen. Am Sonntag den brillanten Rennfahrer, der sich vom letzten Startplatz noch auf Rang fünf vorkämpfte, tags zuvor den Erfolgsmenschen, dem fast alle Welt zutraut, seine Ziele auch mit unlauteren Methoden zu erreichen.

Besonders zu Beginn seiner Laufbahn ließ sich diese Ambivalenz immer wieder beobachten. Im Laufe der Jahre ist Schumachers zweites Ich mehr und mehr in Vergessenheit geraten, weil es durch die sportlichen Glanzleistungen überstrahlt wurde und nur noch sporadisch auftauchte. In der erfolglosen vergangenen Saison schien der Deutsche tatsächlich innerlich gewachsen zu sein. Aller Titelchancen beraubt, trat er als fairer Verlierer auf und schien sogar seine Veranlagung zum Ironisch-Hintergründigen entdeckt zu haben. Hat das starke Verlangen nach einem Karriereabschluss mit einem weiteren Titel Schumachers zweites Ich wieder zum Vorschein gebracht?

Denn auch wenn er bei seiner Version bleibt, wonach ihm bei seiner Trainingsblockade in Monaco ein Fahrfehler unterlaufen sei: Millionen Berufskraftfahrer haben am Fernseher gesehen, wie man sich nicht verhalten sollte, wenn ein Auto außer Kontrolle gerät. Und bisher hat der siebenmalige Weltmeister keine vernünftige Begründung dafür liefern können, warum er die Kurve so weit abseits der Ideallinie angefahren war, so unvermittelt hart gebremst und so seltsame Lenkbewegungen vollführt hat, die den Ferrari nur noch weiter Richtung Leitplanke trieben. Stattdessen bemüht er nebulöse Formulierungen wie: „Wenn ihr wüsstet, was ich weiß, würdet ihr mir glauben.“ Man wüsste gern. Doch dazu muss es jemand aussprechen. Bis dahin muss der zweite Schumacher als Erklärungsansatz herhalten.

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