Sport : Seine beste Tour

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Hartmut Scherzer über den Sieg

des Jan Ullrich über sich selbst

Nur 1:01 Minuten Unterschied auf 3427 Kilometern – was ist das schon? Niemand hatte erwartet, dass Jan Ullrich, der beste deutsche Radfahrer, bei seinem komplizierten Comeback Lance Armstrong drei Wochen lang einen derart spannenden, fast ebenbürtigen Zweikampf würde liefern können. Am wenigsten hatte das Ullrich selbst erwartet. Es steht jetzt zwar drei zu null für den Amerikaner, aber bei keinem seiner fünf Siege war der Vorsprung derart knapp. Bei seinen ersten vier Erfolgen auf der Tour hatte Armstrong mindestens sechs Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten. 1999 waren es sogar 7:37 Minuten auf den Schweizer Alex Zülle.

Armstrong hat jetzt das geschafft, was viele von Jan Ullrich nach dessen Toursieg 1997 erwartet hatten: dass er die Rundfahrt über Jahre beherrschen und bei der Zahl der Siege zu den fünfmaligen Gewinnern Anquetil und Merckx, Hinault und Indurain aufschließen werde. Aber die Dominanz des Amerikaners war nicht so groß wie früher. Mag sein, dass Armstrong mit „nicht akzeptablem Niveau“, wie er selbst gesagt hat, angetreten ist; aber Jan Ullrich hatte die schlimmeren Probleme zu überwinden – das schwere Fieber, das ihn auf der fünften Etappe fast zur Aufgabe gezwungen hatte. Und dann der Sturz im zweiten Zeitfahren, nachdem er im ersten Armstrong um anderthalb Minuten distanziert hatte.

Mit 23 Jahren hat Jan Ullrich die Tour gewonnen, jetzt ist er 29. Bei seinen sechs Tourstarts ist er immer mindestens auf Platz zwei gelandet. Eine solche Bilanz kann keiner der fünf fünfmaligen Sieger vorweisen – auch Armstrong nicht. Aber nicht jeder zweite Platz war gleich. In manchen Jahren war Ullrich der erste Verlierer, weil er sich nicht ausreichend vorbereitet hatte auf die Tour. In diesem Jahr aber ist Jan Ullrich der zweite Gewinner. Die Betonung liegt auf Gewinner.

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