Sport : Seine Flanken sind unübertroffen

Sebastian Deisler hinterlässt ein sportliches Vermächtnis: das Gefühl, den richtigen Ball zu spielen

Sven Goldmann

Berlin - Es gibt ein Foto von Sebastian Deisler, wie er sich den Ball zum Freistoß hinlegt, die Füße dicht nebeneinander platziert, den Po schräg nach oben gestreckt, da sieht er aus wie eine kurzhaarige Wiedergeburt von Günter Netzer. Der Fußballspieler Sebastian Deisler ist oft mit Netzer verglichen worden. Von den Fans, den Medien – und von Netzer. Ja doch, das komme schon hin, hat Netzer, das Genie der frühen Siebziger, in einem vom Tagesspiegel organisierten Gespräch mit Deisler einmal gesagt. Dessen Versetzung von den rechten Seite ins Zentrum „war überfällig. So viele Talente, die dort spielen können, die kreativ sind und technisch beschlagen, haben wir ja in Deutschland nicht.“

Das war vor sechs Jahren, als ganz Deutschland in Deisler den kommenden Spielmacher der Fußball-Nationalmannschaft sah. Es ist anders gekommen. Den Fußballspieler Sebastian Deisler gibt es nicht mehr, am Dienstag hat er, mit gerade 27 Jahren, das Ende seiner Karriere bekannt gegeben, zermürbt von vielen Verletzungen, körperlichen und seelischen. Deislers Karriere ist eine unvollendete, zur zentralen Figur im Mittelfeld hat er es nie gebracht. In Erinnerung bleibt er als begnadeter Spieler auf der rechten Seite. Seine Flanken von rechts sind in Deutschland bis heute unübertroffen.

Eine perfekte Flanke segelt nicht hoch und weich in den Strafraum. Der Ball braucht Spin, damit er sich vom Torwart wegdreht in Richtung Elfmeterpunkt; er braucht Tempo, das ein guter Stürmer umsetzt in einen erfolgreichen Kopfstoß; er braucht eine flache Flugkurve, damit Torhüter und Verteidiger möglichst wenig Zeit haben, sich auf ihn einzustellen. Der Fuß trifft den Ball mit einer ganz bestimmten Stelle zwischen großem Zeh und Knöchel, und das aus vollem Lauf. So etwas kann man nicht lernen. Von den noch aktiven Fußballspielern beherrscht diese Kunst nur noch David Beckham.

Ist es unfair, den Fußballspieler Deisler mit dem abgehalfterten Spice Boy Beckham zu vergleichen? Nein, das überragende Talent beider steht außer Frage, beleidigend wäre allein ein Vergleich der charakterlichen Eigenschaften. Beckham hat sein Talent dem Showbusiness geopfert. Deisler hat für den Fußball gelebt. Das weiß jeder, der ihm einmal zugehört hat, wie er vom Urlaubskick mit kleinen Kindern geschwärmt hat, vom Zauber Zinedine Zidanes und dem Geräusch eines an die Latte klatschenden Balles.

Um den Vergleich fortzuführen: Deisler war der bessere, weil variablere Spieler. Beckham konnte nur außen spielen und ist kläglich gescheitert beim Versuch, die zentrale Position zu besetzen. Deisler hätte es, ohne die Verletzungen, wahrscheinlich geschafft. In seiner Zeit bei Hertha BSC hat er diesen Wechsel eingefordert bei Trainer Jürgen Röber. Als er nach zwei Jahren in Berlin endlich zentral spielen durfte, sah man das Potenzial: die Virtuosität im Dribbling, den Überblick, das Gefühl für das richtige Umschalten vom schnellen Kurzpassspiel zum langen Pass. Doch dann kam schon wieder eine Verletzung, der Wechsel nach München, und das war es auch schon mit Deislers Karriere als Nummer zehn.

Beim FC Bayern hatte er Michael Ballack vor sich, dazu kamen immer wieder Verletzungen. Er wagte ein paar zaghafte Versuche in der Zentrale und gab sich schließlich mit der Außenposition zufrieden. Vorerst, „in der Mitte ist es mir noch zu schnell“, hat er einmal gesagt.

Dabei ist es geblieben. Sebastian Deisler ist kein zweiter Günter Netzer geworden, obwohl er doch alles dafür mitbrachte. Und sogar noch mehr, wie Netzer damals im Gespräch mit Deisler zugab, angesprochen auf seine legendäre Lauffaulheit: „Ich habe mir früher immer jemanden geholt, der für mich gelaufen ist. Das macht der Sebastian alles selber, der grätscht ja sogar, und Kopfball kann er auch.“ Und: „Ich bin sehr dafür, dass Sebastian noch stärker in die Führungsrolle schlüpft. Er wird das lernen, ganz sicher.“ Nein, Herr Netzer, lernen musste er das gar nicht. Nur vorführen durfte und konnte er es nie.

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