Sport : Seine Show

Wie Trainer Willi Reimann die zusammengewürfelte Eintracht aus Frankfurt zurück in die Bundesliga führte

Andreas Morbach

Frankfurt. Die Szenerie erinnerte an eine Kleinkunstbühne. Irgendwann erschien Willi Reimann am Sonntagabend doch noch zur Pressekonferenz, und kaum hatte der Mann sein in gesundem Rosa glänzendes, faltenloses Gesicht zur Tür herein gesteckt, klatschten die Leute. Nicht übermäßig laut, aber immerhin. Wie für den einzigen Schauspieler des Abends in einem bescheidenen Theater mit zehn Sitzreihen eben.

Es war der dankbare Applaus dafür, dass Reimann die Frankfurter Eintracht zurück auf die große Bühne Fußball-Bundesliga geführt hatte. Dass die Rückkehr im Fernduell gegen den kleinen, unglücklichen Nachbarn FSV Mainz 05 unter den denkbar dramatischsten Umständen vollzogen wurde und selbst bei der traditionell sagenhaft zur Selbstüberschätzung neigenden Eintracht damit vor einem Jahr niemand ernsthaft gerechnet hatte – all das verschönerte die Genugtuung noch.

Vor allem bei Reimann, der ebenfalls Dank sagte: dem Verein, seinem vom 1. FC Köln gekommenen Assistenten Jan Kocian, dem aus Köln geholten Kapitän Jens Keller, allen übrigen Spielern.

Als ein wild zusammen gewürfelter Haufen aus billigen oder andernorts aussortierten Fußballern startete der Deutsche Meister des Jahres 1959 im Sommer 2002 in die Saison. Drei Kreuzzeichen machten sie in Frankfurt, überhaupt die Lizenz für die Zweite Liga erhalten zu haben. Der Etat des manchmal so windig wirkenden Klubs aus der Bankenmetropole schrumpfte auf bescheidene 13 Millionen Euro, und zur Krönung sollte das brüchige Konstrukt auch noch ein Mann zusammen kleistern, der zwei Jahre lang keinen Verein trainiert hatte: Willi Reimann.

Nicht um jeden Preis

Seinen letzten Job beim FC St. Pauli hatte der gebürtige Osnabrücker im März 2000 freiwillig beendet, weil er für die Hamburger wegen der finanziellen Schieflage keine Zukunft sah. Und auch in Nürnberg ließ er sich im Dezember 1998 beurlauben - weil er sich zu Hause um seine an Krebs erkrankte Frau kümmern wollte. Fußballlehrer um jeden Preis ist der 53-Jährige jedenfalls nicht… Auch wenn er im abgelaufenen Jahr als managender Trainer à la Felix Magath unter anderem Frankfurts Aufsichtsratschef Jürgen Neppe („Wir und nicht Herr Reimann treffen hier Personalentscheidungen“) gegen sich aufbrachte.

Bei der Eintracht hatten sie ihm einen Vertrag gegeben, der nur für die Zweite Liga galt. Jetzt soll das Schriftstück rasch überarbeitet und unterzeichnet werden – auf dass Reimann, der bei Verpflichtungen wie der Verteidiger Keller und Tsoumou-Madza, Mittelfeldmann Montero oder Angreifer Beierle goldrichtig lag, sein gutes Werk in der Bundesliga fortsetze. Ins Oberhaus geschafft hat es der schnörkellose Geselle wie sein Kölner Kollege Friedhelm Funkel: Mit unspektakulären Akteuren und Teamgeist als der selig machenden Grundhaltung. „Meine Aufgabe ist es, dass die Gemeinschaft funktioniert“, sagt Reimann.

Ganz großer Humor

Also behandelt der Fußball-Sozialist alle mit der gleichen Nüchternheit und wird wild, wenn die Presse einen seiner Spieler auf den Sockel setzt. Wie zum Beispiel Dino Toppmöller, den Sohnemann des einstigen Trainers von Bayer Leverkusen, vor einer Woche nach seinen zwei Toren in Oberhausen. „Einer ist der Held und alle anderen die Arschlöcher“, kommentierte der Trainer angewidert.

Seine eigene kleine Show hat er am Sonntagabend nach dem grandios spannenden 6:3 gegen Reutlingen aber doch gerne abgezogen. Wanderte in der Baukran-Kulisse des Frankfurter Waldstadions alleine von einer Tribüne zur nächsten, ließ sich als local hero feiern und lief später im Presseraum für seine Verhältnisse geradezu zu humoristischer Hochform auf.

Ein Buch werde er schreiben, wenn er die dramatische Doppelveranstaltung in Frankfurt und Braunschweig verarbeitet habe. Doch vorher will Willi Reimann noch ein wenig die Bundesliga beglücken. „Wir sind auf alles vorbereitet“, lautet der Lieblingssatz des früheren Profis.

Und sollte die Eintracht so eine Klasse höher bestehen, dann werden sie dem glattwangigen Coach sicher auch wieder applaudieren.

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