Sport : Seitenwechsel am Boxring

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Von Frank Bachner

Berlin. Jean-Marcel Nartz trug Smoking, wie so oft bei großen Boxkämpfen, er hatte ein Glas in der Hand, und er beugte sich zu Wilfried Sauerland. „Weißt Du noch“, fragte Nartz seinen Chef, „damals in Köln, wie wir nach einem Kampf in der Kneipe Schweinshaxe gegessen haben? Das war doch wunderbar, oder?“ Natürlich war es wunderbar, damals, Ende der Achtzigerjahre, als Wilfried Sauerland noch ein kleiner Box-Promoter war und Nartz schon damals sein Technischer Leiter. Aber jetzt, an diesem Abend irgendwann Mitte der 90er-Jahre, standen beide da in einer Glitzerwelt, in der gerade Henry Maske, der Halbschwergewichtsmeister, wieder einen Kampf gewonnen hatte und die Zuschauer Abendkleider und Smoking trugen. Sauerland, Nartz und RTL hatten Boxen zum Gesellschaftsereignis gemacht, Nartz und sein Chef waren ein Herz und eine Seele. Sauerland hatte Maske unter Vertrag und Schwergewichtler Axel Schulz, und Nartz organisierte die Kämpfe. Seine zweite Frau hatte sich von Nartz scheiden lassen, und bevor sie ging, hatte sie gesagt: „Für den Sauerland würdest du sterben. Für mich nicht.“

Damals war das wahrscheinlich wahr. Jetzt nicht mehr. Jean-Marcel Nartz hat am Mittwoch Wilfried Sauerland verlassen. Nach 21 Jahren Zusammenarbeit. Aber viel brisanter ist, wohin Nartz wechselt. Zu Klaus-Peter Kohl, Sauerlands Intimfeind, den zweiten großen Box-Promoter in Deutschland. Kohls Boxstall Universum managt Dariusz Michalczewski und die Klitschko-Brüder. Nartz soll Universum-Geschäftsführer Peter Hanraths entlasten. In Wirklichkeit dürfte Nartz an den ganz großen Strippen ziehen. Vordergründig geht es um Formalien. Der Chef-Organisator Nartz hatte sich 1997 selbstständig gemacht, aber er arbeitete noch eng mit Sauerland zusammen. Allerdings managte er auch Kämpfe des Magdeburger Promoters Steinfurth. Sauerland aber wollte Nartz exklusiv. Nartz lehnte ab.

Nartz war gestern nicht zu erreichen, es ist unklar, weshalb er zu Kohl geht. Er betrachtete Kohl immer als Feind. Im kleinen Kreis beschimpfte er den Mann aus Hamburg zuweilen ziemlich übel. Aber jetzt ist Kohl der Sieger. Der hat mit Nartz’ Verpflichtung gleich zwei Ziele erreicht. Er vergrößert seinen Einfluss, und er schwächt Sauerland. Nartz hat exzellente Kontakte in die USA und zum anerkannten Weltverband IBF. Kohl dagegen arbeitet mit dem Verband WBO zusammen, der in den USA als Lachnummer gilt.

Doch Kohl will unbedingt Michalczewski und die Klitschkos in den USA verankern, dabei könnte ihm Nartz helfen. Außerdem rückt der Ex-Premiere-Vertragspartner Kohl durch seinen Kontrakt mit dem ZDF endlich auch medial auf Augenhöhe mit Sauerland, der mit der ARD arbeitet (früher mit RTL). Nartz könnte Kohl helfen, attraktive Gegner aufzutreiben. B als echte Quotenbringer.

Für Sauerland wird es eng. Schulz und Maske längst abgetreten, Nartz weg und sein einziger Vorzeigeathlet, Weltmeister Sven Ottke, hört bald auf. Kohl aber ist jetzt in der Rolle, die er lange so verbissen wie erfolglos anstrebte: die Nr. 1 der deutschen Box-Promoter. Sauerland hatte ihm einst Maske vor der Nase weggeschnappt, das hat Kohl ihm nie verziehen. Deshalb beschimpfte er Maske mal als Weichling. Sauerland soll ihm dafür prompt die Karte für den nächsten Maske-Kampf gestrichen haben.

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