Sport : SEITENWECHSEL Der Mythos lebt

Plädoyer für schönen Fußball

Stefan Hermanns

Das deutsche Publikum hat sich schon immer durch einen eher unromantischen Blick auf das Fußballspiel ausgezeichnet. Sieger werden hierzulande mehr geschätzt als Schönspieler. Unter dieser pragmatischen Einstellung hat auch das taktische Grundwissen der Deutschen gelitten, das im internationalen Vergleich als eher unterentwickelt anzusehen ist. Franz Beckenbauer zum Beispiel hat es lange für das Wesen der Viererkette gehalten, dass die Verteidiger den Angreifern möglichst viel Platz lassen. Es ist daher nur zu begrüßen, dass Rüdiger Barth und Giuseppe di Grazia mit ihrem Buch gegen das allgemeine Theoriedefizit ankämpfen. Sie haben sich dazu der Position gewidmet, die für die Deutschen fast mythische Bedeutung besitzt – der Nummer 10. Seit Günter Netzer wird der deutsche Fußballfan von der Sehnsucht nach dem allmächtigen Spielmacher geplagt. Dabei würde Netzer heute auch nicht mehr so spielen können, wie er es vor 30 Jahren getan hat. Barth/di Grazia erinnern in ihrem feinen Buch an die ganz Großen des Genres, zeichnen den historischen Wandel der Position nach und versuchen ganz nebenbei auch noch den Begriff des Schönen Spiels in den Sprachgebrauch einzuführen, als Kategorie, die über den 1:0-Sieg hinausweist. Es ist ein ehrgeiziges Ziel. Zu ehrgeizig wahrscheinlich.

Rüdiger Barth/Giuseppe di Grazia: Die 10. Magier des Fußballs. Malik. 240 Seiten, 16,90 Euro

An dieser Stelle lesen Sie jeden Dienstag einen Buchtipp aus der Welt des Sports.

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