Sejad Salihovic : Vom Hallodri zum Leistungsträger

Bei Hertha hatte Sejad Salihovic keine Chance mehr, am Aufschwung von Hoffenheim hat er großen Anteil. Am Sonntag kommt er mit seinem neuen Verein nach Berlin.

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1899 Hoffenheim - Hamburger SV
Karrieresprung. Salihovic (rechts, mit Obasi) begeistert in Hoffenheim. Vor zwei Jahren wusste er nicht einmal, wer Dietmar Hopp...Foto: dpa

Es gab mal eine Zeit, da wusste Sejad Salihovic nicht, wo Hoffenheim liegt, wer Dietmar Hopp ist, und SAP, was war das doch gleich? Sejad Salihovic kann sich an diese Zeit noch ganz gut erinnern. Sie liegt noch gar nicht so lange zurück, es war der Sommer 2006, als er Hertha BSC verließ und zu einem Regionalligisten wechselte, den Jürgen Klinsmann schon damals „das spannendste Projekt im deutschen Fußball“ nannte. Aber Klinsmann hat in jenem WM-Sommer viele visionäre Sätze gesagt, nicht alle hat das Publikum so richtig ernst genommen. Und Salihovic sah in der TSG 1899 Hoffenheim kein spannendes Projekt, sondern einfach nur die Chance zu einem Neuanfang. „Ich wollte weg aus Berlin, weg von Hertha.“

Heute weiß er, dass er alles richtig gemacht hat. Der offensive Mittelfeldspieler Sejad Salihovic steht symbolisch für Hoffenheims wundersamen Aufstieg aus der Drittklassigkeit an die Spitze der Bundesliga. In elf Bundesligaspielen hat er vier Tore geschossen, sechs weitere vorbereitet, und wahrscheinlich gibt es in der gesamten Liga keinen, der so gute Freistöße und Eckbälle schießt wie der 24 Jahre alte Bosnier. Vor ein paar Wochen hat er mit seiner Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation gegen Europameister Spanien gespielt, „mein Gegenspieler war Sergio Ramos von Real Madrid“.

Bei Hertha BSC war Salihovic vor zweieinhalb Jahren nicht mal gut genug für einen Platz auf der Ersatzbank. Heute Nachmittag spielt er mit Hoffenheim zum ersten Mal gegen den Verein, bei dem er groß geworden ist. „Ich kann schlecht sagen, dass das ein ganz normales Spiel für mich ist“, sagt Salihovic. Und natürlich hat es ihn schwer getroffen, dass man ihn in Berlin nicht mehr wollte. Dass niemand das Gespräch mit ihm gesucht habe, mal abgesehen vom Amateurtrainer Karsten Heine, auf den er noch heute nichts kommen lässt.

Als Siebenjähriger flüchtete er mit seiner Familie aus Bosnien

„Natürlich habe auch ich Fehler gemacht“, sagt Salihovic. Lange, nicht eben sportgerecht gestaltete Abende. Aber da war er nicht alleine, mit Anfang 20 in einer Stadt wie Berlin. Sie waren eine jugendliche Clique bei Hertha. Ashkan Dejagah, Christian Müller, Kevin-Prince Boateng und Sejad Salihovic. Alle hervorgegangen aus Herthas Nachwuchsakademie, ein Versprechen für die Zukunft. Keiner dieser Hochbegabten spielt heute noch in Berlin. Boateng und Müller sind in der Versenkung verschwunden, Dejagah hat seinen Weg in Wolfsburg gemacht, aber keiner ist so aufgeblüht wie Sejad Salihovic, der König der ruhenden Bälle von Hoffenheim.
Mag sein, dass ihm die Teenagerjahre in Berlin das Image eines Hallodris aufgedrückt haben, aber das ist nur die halbe Wahrheit, wenn überhaupt. Mit leiser Stimme erzählt er von der Kindheit in Bosnien. Er war sieben Jahre alt, der Vater hatte gerade ein Haus gebaut, als serbische Truppen in sein Heimatdorf einmarschierten. Noch heute hat er die Bilder vor Augen. Die serbischen Soldaten mit den Gewehren, die die Familie auf der Ladefläche eines LKW zusammenpferchten. Die Nächte auf dem nackten Fußboden einer Lagerhalle.

Sein Debüt für Hertha war traumhaft

Über einen Onkel in Österreich ging es weiter nach Berlin, „weil dort die meisten bosnischen Flüchtlinge lebten“. Als Elfjähriger durfte er den älteren Bruder erstmals zum Fußballtraining begleiten. Salihovic begann in der zweiten D-Jugend von Minerva 93, und schon dort fiel seine außergewöhnliche Schusstechnik auf. Hertha Zehlendorf holte ihn und zwei Jahre später wechselte er zu Hertha BSC. Über die Amateurmannschaft fand er den Weg zu den Profis. Mit 19 durfte Salihovic in Hamburg zum ersten Mal für fünf Minuten in der Bundesliga spielen. Und dann, im März 2005 kam ein Spiel, wie es sich alle jungen Spieler erträumen.

Im Olympiastadion ging es gegen den 1. FC Kaiserslautern. Hertha lag 0:1 zurück, und kurz vor Schluss wechselte Trainer Falko Götz den jungen Amateur ein, den keiner kannte beim Gegner. Ein paar Minuten später gab es einen Freistoß für Hertha. Eigentlich eine Angelegenheit für den Brasilianer Marcelinho, aber der stand teilnahmslos daneben, als Sejad Salihovic den Ball mit viel Tempo und Effet in den Strafraum Ball zwirbelte, direkt auf den Kopf von Alexander Madlung, der zum Ausgleich traf. Auch Marcelinho klatschte höflich Beifall. Götz lobte Salihovics Talent, er sagte ihm eine großartige Karriere voraus und ließ ihn dreimal hintereinander von Anfang an spielen. Nach einem 3:1-Sieg über Freiburg nahm Götz ihn zur Seite, „er hat mit gesagt, dass er defensiver spielen will und auf meiner Seite etwas anderes ausprobieren will“. Von diesem Tag an hat Sejad Salihovic keine Minute mehr für Hertha in der Bundesliga gespielt.

Im Sommer 2006 legte Hertha ihm einen Wechsel nahe

Götz sagt, Salihovic sei damals in Selbstzufriedenheit versunken, er habe sich im Training ausgeruht und ein paar Kilo zugelegt. Salihovic hat anderes in Erinnerung. Als er im Sommer 2006 aus dem Urlaub kam, „mit perfektem Gewicht, 79 Kilo“, habe es ein gleich am ersten Trainingstag ein Gespräch mit Falko Götz gegeben. „Er hat mir gesagt, dass ich in dieser Saison auf keinen Fall spielen werde. Noch vor der Vorbereitung wirft er mir so etwas an den Kopf. Was soll das?“ Ein paar Tage später rief Ralf Rangnick, gerade von Dietmar Hopp als Trainer in Hoffenheim angeheuert. Salihovic aber kannte weder Hopp noch Hoffenheim, und eigentlich wollte er seinen Traum bei Hertha nicht aufgeben. Bis ihm dann Dieter Hoeneß eine halbe Stunde vor der Abfahrt ins Trainingslager nach Österreich dringend empfahl, das Hoffenheimer Angebot anzunehmen.

Auch Rangnick kritisierte Einstellung und Einsatz

Heute sagt Herthas Manager: „Sejad hatte damals keine reelle Chance, in unserer Bundesliga-Mannschaft zu spielen. Und in der zweiten Mannschaft war er unterfordert.“ Nach dem Gespräch mit Hoeneß wusste Salihovic, dass es keinen Sinn mehr hatte bei Hertha. Er holte seine Sporttasche aus dem Bus, verabschiedete sich von seinen Kollegen und fuhr nach Hoffenheim.
Der Neuanfang in der dritten Spielklasse gestaltete sich schwierig. Rangnick kritisierte Salihovics Einsatz und Einstellung, auch er fand ihn zu dick und ließ ihn auch mal in der zweiten Mannschaft spielen. Zur Winterpause sagte Rangnick: „Sejad, wenn das weiter so geht, wird das nichts mit uns.“

Dieses Gespräch betrachtet Salihovic heute als die entscheidende Wende in seiner Karriere. Er habe seine Ernährung umgestellt und erkannt, dass Fußballprofi ein Beruf ist, für den man leben muss. Er sagt, er habe sich weiter entwickelt, „als Mensch und als Fußballspieler. Ich bin nicht mehr der, der Berlin verlassen hat.“ Auf dem Platz läuft er viel mehr als früher, „in Berlin hab ich meist schon an der Mittellinie aufgehört“. Und nach dem Training nimmt er sich öfter ein Netz voller Bälle, stellt ein paar Plastikfiguren als Mauer auf und übt Freistöße, „nur so kannst du dranbleiben, du musst jeden Tag an dir arbeiten“.

Der FC Bayern wollte ihn - Salihovic sagte ab

Hertha hätte den gereiften Salihovic zur kommenden Saison ganz gern zurückgeholt. Dieter Hoeneß hat so Unrecht wohl nicht mit der Einschätzung, „dass der Sejad schon ein bisschen am Schwanken war, ein Stück seines Fußballherzens ist nach wie vor bei Hertha“. Salihovic gibt zu, „dass Hertha BSC immer ein ganz besonderer Verein für mich war“. Mit Sofian Chahed telefoniert er regelmäßig, und aus der Distanz hat er sich die Meinung gebildet, „dass Lucien Favre ein sehr guter Trainer sein muss, da hat Hertha Glück gehabt“. Trotz aller Verbundenheit mit Berlin hat er seinen Vertrag in Hoffenheim zu Beginn dieser Woche bis 2012 verlängert. Hertha war nicht der einzige Interessent, der leer ausging. Auch Bayern München holte sich eine Absage. Salihovic sagt, sie hätten in Hoffenheim noch einiges vor, „Platz fünf in dieser Saison wäre eine tolle Sache“.

Und danach? Sejad Salihovic lächelt. Anders als 2006 weiß er heute, wer Dietmar Hopp ist.

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