Sport : Selbst müde ist er noch der Beste

Nikola Karabatic ist das Herz beim Champions-League-Favoriten THW Kiel

Erik Eggers[Kiel]

Der Mann hat mächtig Eindruck hinterlassen. „Unter den Deutschen erstrahlte Karabatic in einem eigenen Licht. Der Franzose erwies sich über die gesamte Spielzeit als widerspenstig und beschoss das gegnerische Tor auf jede nur vorstellbare Weise“, schrieb die spanische Sportzeitung „Marca“ nach dem Finalhinspiel in der Handball-Champions-League. Kein Einzelfall. Als der THW Kiel am vergangenen Sonntag mit dem 29:27-Sieg beim Spanischen Meister BM Ciudad Real die Basis zur Titelverteidigung gelegt und Karabatic neun Tore dazu beigesteuert hatte, bestaunte die Fachpresse den 24-Jährigen. Der Franzose habe „eine Kanonenkugel im Arm“, schrieb das Lokalblatt in der Provinz La Mancha, „unaufhaltsam im Spiel eins gegen eins“, rühmte „El Pais“. Alle waren sich einig: In dieser Form ist Karabatic der beste Handballer der Welt. Und mit ihm in dieser Verfassung dürfte Kiel heute auch beim Rückspiel in der Ostseehalle (18 Uhr, live bei Eurosport) kaum zu schlagen sein.

Dabei ist Karabatic müde. Als der THW Kiel vor zehn Tagen in Berlin gegen die Füchse nur glücklich 27:26 siegte, schien Karabatic die Kraft verlassen zu haben. Und im Heimspiel gegen Nordhorn wunderte sich THW-Coach Zvonimir Serdarusic darüber, dass Karabatic sich ohne Proteste habe auswechseln lassen. „Das ist bezeichnend für seinen Fitnesszustand“, sagte Serdarusic. Dennoch legte Karabatic diese Leistung hin. Eine typische Szene dafür gab es in Spanien beim 20:23-Rückstand des THW: Unter dem Druck eines möglichen Zeitspiels stieg er zwölf Meter vor dem Tor hoch und schmetterte den Ball ins Tor. Er degradierte damit den gegnerischen Torwart Arpad Sterbik, der zu den besten der Welt gehört, zu einem Statisten. Und brachte Kiel in einer kritischen Situation wieder heran. Karabatic, der wegen Sprunggelenksschmerzen seit Wochen kaum trainiert, hatte all dies prophezeit: „Natürlich bin ich müde, aber ich spiele trotzdem die beste Saison, seitdem ich Handballer bin. Und wenn dies das Resultat ist, will ich immer so müde sein.“

Der Rechtshänder, der im Sommer 2005 aus Montpellier nach Kiel wechselte, verkörpert jedenfalls eine unfassbare Siegermentalität. Er explodiert immer im richtigen Moment, die 20 Titel, die er im Alter von 24 Jahren schon gesammelt hat – darunter sechs nationale Meisterschaften und zwei Champions-League-Triumphe – sind kein Zufall. Dass vor dem Duell der beiden besten Teams der Welt der Spanische Meister als „Übermannschaft“ gerühmt wurde, reizte Karabatic nur noch mehr. Dass die Fachwelt die Spanier als überragende Individualisten einstufte, machte ihn rasend. Er wollte allen zeigen, dass er der beste Spieler ist – und der THW das beste Team.

Als Karabatic 2007 ein finanziell traumhaftes Angebot von Ciudad Real ablehnte und stattdessen seinen Vertrag in Kiel bis 2012 verlängerte, war seine Begründung: „Mit dem THW habe ich meinen Traumverein und auch meine zweite Familie gefunden. Für mich stimmt hier alles: die Fans, die Ostseehalle, meine Kollegen, der Trainer, das Umfeld, die Stadt – es ist aus meiner Sicht alles absolut perfekt.“ Natürlich musste sich der THW Kiel auch strecken, um seinen Superstar zu halten. Das Investment habe sich für alle gelohnt, sagte Manager Uwe Schwenker. Gleichzeitig aber betonte er, „dass auch Karabatic ein gut funktionierendes Team braucht“. Und ein solches ist der THW, der heute mit der Titelverteidigung im wichtigsten Klubwettbewerb erneut Geschichte schreiben kann.

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