Sport : Selbstbewusst mit kleinen Fehlern

Moskau fühlt sich zu Unrecht in die Außenseiterrolle im Kampf um die Olympischen Spiele 2012 gedrängt

Elke Windisch[Moskau]

Am 6. Juli fällt die Entscheidung, wer die Olympischen Sommerspiele 2012 ausrichten darf. Wir stellen die fünf Konkurrenten vor. Heute: Moskau.

Wenn die Welt dunkelschwarz aussieht, hilft nur noch eines: So tun, als sei nichts gewesen. Noch ist nichts verloren, verkündet Bürgermeister Jurij Luschkow, obwohl das Internationale Olympische Komitee (IOC) Russlands Hauptstadt unter die Außenseiter bei der Vergabe der Olympischen Spiele 2012 einsortiert hat. Trotzdem wollen die Moskauer mit einem hundert Mann starken Aufgebot in die Endrunde um die Vergabe der Spiele ziehen, die am Mittwoch in Singapur stattfindet. Über Großbildschirme im Stadtzentrum sollen die Hauptstädter die Entscheidung live miterleben. Angesichts der geringen Erfolgschancen dürfte das eine eher traurige Freiluftparty werden.

Moskau fühlt sich zu Unrecht in die Außenseiterposition gedrängt. Die IOC-Gutachter hätten die Olympia-Begeisterung der Moskauer bewusst viel zu niedrig eingestuft, beklagte sich Vizebürgermeister Walerij Schanzew. Er leitet das Bewerbungskomitee, das bereits Mitte Juni einen geharnischten Brief an das IOC verfasst hatte, der mit viel Liebe zum Detail versuchte, die Mängelliste der Gutachterkommission ad absurdum zu führen.

Sauer waren die 13 IOC-Inspektoren schon allein deshalb, weil die Eiskunstlauf-WM, die zeitlich mit ihrem Besuch in Moskau Mitte März stattfand, mit einer Eröffnungsfeier olympischer Dimension begann. Nicht sonderlich gut kam auch die protzige Kreml-Führung von Präsident Putin an. Vor allem aber ärgerte die Inspektoren, dass in den Bewerbungsunterlagen nicht einmal konkrete Fristen für Beginn und Abschluss von Bauvorhaben für die Wettkampfstätten enthalten waren.

Ein Regelverstoß, der mit der Improvisationsliebe der Russen allein kaum zu erklären ist. Allzu stark, erklärten olympische Insider, hätten sie auf die präsidiale Staatskarte und das moralische Recht gesetzt, einen Ersatz für die Sommerspiele 1980 zu erhalten. Nach dem Einmarsch der Sowjetunion 1979 in Afghanistan hatten 65 Staaten die Spiele boykottiert.

Dabei erhielt Moskau den Zuschlag für die verunglückten Spiele 1980 erst im zweiten Anlauf. Eine erste Bewerbung für Olympia 1976 scheiterte an infrastrukturellen, logistischen und bürokratischen Mängeln der damaligen UdSSR. Vor allem diese Faktoren sprechen auch im postkommunistischen Russland gegen Moskau. Ihnen und den Sicherheitsrisiken wegen des Tschetschenienkriegs steht nur das Plus der relativen Nähe der Austragungsstätten gegenüber. Noch immer fehlen in Moskau Mittelklasse-Hotels mit westlichen Standards, die berüchtigte Service-Mentalität der als arrogant verschrienen Hauptstädter tendiert gegen null. Fahrten mit den überfüllten Bussen werden für jeden westlichen Touristen zu einer Grenzerfahrung. Und in der Metro kommen Ausländer, die das kyrillische Alphabet nicht kennen, nur mit viel Glück auch dort an, wo sie hinwollen. Viel Glück wird auch Moskau benötigen, um das zu bekommen, was es will: die Olympischen Spiele 2012.Morgen: New York

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