• Selbstbewusst schuldig Heute sollte in Italien die Fußballsaison beginnen – doch der Skandal beschäftigt weiter die Gerichte

Sport : Selbstbewusst schuldig Heute sollte in Italien die Fußballsaison beginnen – doch der Skandal beschäftigt weiter die Gerichte

Paul Kreiner[Rom]

Der italienische Fußballskandal ist keineswegs ausgestanden. Im Gegenteil: Der Erregungspegel steigt. Der Start der A-Liga ist zwar bereits um zwei Wochen verschoben, aber noch weiß niemand, ob sich der 9. September als Termin halten lässt. Gleichzeitig mit der Empörung der Fans, formuliert immer wieder von der rosafarbenen „Gazzetta dello Sport“ als größter Tageszeitung Italiens, wächst auch das Selbstbewusstsein der als schuldig Verurteilten: Juventus Turin legt es ausdrücklich darauf an, den Saisonbeginn platzen zu lassen. Der Klub hat eine dramatische Kehrtwende hingelegt. Noch vor zwei Monaten, als die Prozesse vor den Sportgerichten ins Laufen kamen, zeigte man sich einsichtig: Luciano Moggi, Sportdirektor des italienischen Rekordmeisters, der sich Schiedsrichter nach Bedarf bestellte, der die ganze Liga mit einem System von Gefälligkeiten und Schiebungen überzog, er hatte zweifellos unrechtmäßig gehandelt. „Wir wollen dem Sport seine Werte zurückgeben. Wir nehmen an Urteil auf uns, was kommt“, erklärte Agnelli-Erbe John Elkann als Vertreter der Juve-Eigentümer. Das war Mitte Juni.

Jetzt ist alles anders. Jetzt hat Juve die letzten beiden Meistertitel verloren und ist zum Abstieg in die B-Liga verurteilt. Jetzt greifen die Turiner zur kaum verhüllten Erpressung: Vom italienischen Fußballbund fordern sie 130 Millionen Euro Schadenersatz für die „schwer unrechtmäßigen, ungerechtfertigten Urteile“ des Fußballgerichts. Die Summe entspreche dem „wirtschaftlichen Schaden“, den der Zwangsabstieg und der Ausschluss aus der Champions League anrichte; sie handeln, sagen die Turiner, „im Interesse des Unternehmens und der Fans“. Wenn Juve dagegen in der A-Liga bleiben dürfe, betrage der Schaden nur 60 Millionen Euro – ein Wink mit dem Zaunpfahl, und er blieb es, auch wenn Juve später eine ausdrückliche Forderung nach Schadensersatz dementierte. Man habe „nur vorgerechnet, was passieren würde, wenn“, sagt Juve nun – und behält sich eine Schadensersatzklage vor.

Ferner ist Juventus, was ein Sportverein nach den Fifa-Regeln eigentlich gar nicht darf und für Italien sogar den Ausschluss aus dem Weltverband bedeuten könnte, nach den unbequemen Urteilen des Sportgerichts vor die weltliche Justiz gezogen, um die Strafen annullieren zu lassen. Das Verwaltungsgericht der Region Latium hat es nun in der Hand, die ganze A-Liga zu stoppen oder nicht. Frühestens am 31. August findet die erste Verhandlung statt. Ohnehin haben die Urteile der zweiten Fußballinstanz die Strafen bereits verwässert. Mit dem Befund, die Beweislage sei unzureichend, wurden Lazio Rom und Florenz zum Verbleib in der A-Liga begnadigt, die Strafpunkte auch für den AC Milan deutlich reduziert. Nur für Juve, den Hauptangeklagten, blieb es beim Zwangsabstieg; das finden die Turiner jetzt ungerecht. Die Frage, ob bei unklarer Beweislage überhaupt verurteilt werden konnte, umschiffte das Gericht weiträumig: An den erdrückenden Abhörprotokollen hunderter Telefonate kam es bei aller Freundschaft nicht vorbei.

Es war der erste Versuch, den Skandal niederzudrücken. Der zweite bestand, nach erkämpftem Weltmeistertitel der Nationalelf, in einem gewaltigen Druck auf Guido Rossi, den Sonderkommissar des Fußballbunds: Milde gegenüber den Helden sollte er walten lassen. Aber Rossi will den italienischen Fußball erneuern, er denkt nicht an Milde: „Ich kann nicht das Tafelsilber klauen und nachher jammern.“ Also wählten ihm die 39 Vereine der A- und der B-Liga einen Antonio Materrese vor die Nase. „Don Tonino“ hatte die Liga schon einmal geführt, von 1982 an, als nach dem ersten großen Skandal – damals ging es um Sportwetten – jede Strafe kassiert und die Rückkehr zum Normalbetrieb durchgepaukt wurde. Materreses Wiederwahl sei heutzutage „schlimmer als der Rückfall in die Steinzeit“, empörten sich die wenigen übrig gebliebenen Kritiker im Fußballverband. Ach was, konterte Materrese, „aufgewärmte Suppe schmeckt immer besser als frische“.

Seither reißen die Angriffe auf Kommissar Rossi nicht mehr ab. „Seniles Ungestüm“ etwa wirft ihm Diego Della Valle vor, der selbst verurteilte Chef der Fiorentina. Materrese gibt Rossi deutlich zu verstehen, dass die Vereine nicht als Delinquenten, sondern als Wirtschaftsunternehmen zu betrachten seien, die ihre legitimen Interessen verwirklichen wollen. Juventus Turin war nicht von ungefähr die größte Befürworterin einer Wiederwahl Materreses.

Guido Rossi ist an der Spitze des italienischen Fußballverbandes nur kommissarischer Verwalter. Selbst wenn er dem Druck standhält und nicht zurücktritt, ist er nur vorübergehend im Amt. Leute wie Materrese werden länger bleiben und in aller Ruhe die Wahl eines bequemen Nachfolgers organisieren können. Im Grunde, beklagte sich Rossi unlängst, sei der Skandal auf typisch italienische Weise bereits vergessen. Das sei eine „Krankheit dieses Landes“, sagte er: „Hier endet alles immer so nett bei Keksen und Wein.“

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