Selbstloser Stil : Wichniarek soll Offensive stärken

Herthas Trainer Lucien Favre setzt auf Artur Wichniarek, um in der Offensive unberechenbarer zu werden

Sven Goldmann[Stegersbach]
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Der neue Angriff. Artur Wichniarek (r.) und Gojko Kacar sind die Stützen in Trainer Lucien Favres Offensivsystem. Foto: City-Press

Lucien Favres Neigung zur Spielerbeobachtung auf DVD ist legendär. Neulich hat er mal eben sämtliche Bundesligaspiele seines neuen Sturmführers der vergangenen Jahre seziert. Reichlich Material für die Beantwortung vieler Fragen, doch eine blieb für Favre auch nach der Begutachtung von 64 Spielen und 23 Toren offen: Warum bloß ist dieser Artur Wichniarek in seiner ersten Berliner Zeit so kläglich gescheitert? Ein wenig irritiert musste sich der Trainer von Hertha BSC sagen lassen, dass Wichniarek in Herthas Angriff zwischen 2003 und 2005 als Junior-Partner von Fredi Bobic diente, als eine Art Rechtsaußen mit der Maßgabe, die Arbeit im Strafraum möglichst seinem arrivierten Nebenmann zu überlassen.

Das Ende der Geschichte ist bekannt. Der Strafraumstürmer Wichniarek versagte auf dem ungeliebten Flügel, schoss in 44 Spielen für Hertha nur vier Tore und wechselte im Streit zu Arminia Bielefeld. In Berlin wurde er bei jedem Gastspiel ausgepfiffen, und als Hertha vor zwei Wochen die Rückholaktion bekannt gab, kam es in den Internetforen der Fans zu spontanen Revolten. Wichniarek stellt sich der Kritik. Beim Trainingslager in Stegersbach debattierte er mit den gut 50 mitgereisten Fans, räumte Fehler ein, beschrieb sich als gereiften Mann und versprach: „Ich werde auf dem Platz alles geben.“ Und: „Ich bin keiner, der nur im Strafraum steht, auf Bälle wartet, Tore schießt, sich in der Kurve feiern lässt. Ich will Teil der Mannschaft sein.“ Wichniareks Mut und Offenheit kamen so gut an wie seine Performance in den ersten Testspielen. Beim 2:1 gegen Bursaspor skandierten die Harlekins, stilbildende Meinungsmacher unter den Fans, schon seinen Namen.

Lucien Favre hat sich früh für Artur Wichniarek entschieden. Nicht, weil der gerade billig zu haben war – finanzielle Zwänge kann der Trainer nachvollziehen, aber sie sind für ihn nur bedingt ein Argument für sportliche Gestaltung. Der Trainer sieht in Wichniarek den Typus Stürmer, mit dem er das im vergangenen Herbst so vielversprechend angelaufene Projekt fortsetzen will. „Artur bewegt sich gut im Raum, er geht in die Tiefe und setzt seine Mitspieler gut ein“, sagt Favre.

Er hätte auch sagen können: Artur Wichniarek hat alles, was Andrej Woronin und Marko Pantelic nicht hatten. Favre hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass die beiden Stürmer der vergangenen Saison mit ihrem Hang zu Individualismus nicht für den Fußball stehen, den er spielen lassen will. Das ist ihm oft als Undankbarkeit ausgelegt worden, immerhin waren es die Tore von Woronin und Pantelic, die Hertha bis in den vergangenen Mai hinein von der Meisterschaft träumen ließen.

Den besten Fußball im Laufe der vergangenen Saison aber spielte Hertha nicht im Frühling 2009, sondern im Herbst 2008, im zweiten Teil der Hinrunde. Mit hoher Laufbereitschaft, schnellem Kurzpassspiel und Torschützen, die meist aus der Tiefe des Mittelfeldes kamen. Nicht Marko Pantelic und Andrej Woronin waren die Protagonisten der besten Hinrunde, die Hertha je in der Bundesliga gespielt hat. Sondern Cicero und Gojko Kacar, die eleganten Antreiber aus Brasilien und Serbien.

In der Öffentlichkeit ist Herthas am Ende gute Saison oft auf Ergebnisfußball reduziert worden. Dass die Mannschaft die großartige sportliche Entwicklung der Hinrunde nicht weitertrieb, liegt wohl auch daran, dass Kacar und Cicero nicht mehr so konnten, wie sie und Lucien Favre es gewollt hätten. Kacar kam nach mehreren Verletzungen nicht mehr richtig in Form, und Cicero war nur allzu deutlich anzumerken, dass er seit Januar 2008 (!) ohne nennenswerte Regenerationspause durchgespielt hatte.

Ohne die Kraft und Inspiration aus der Etappe entwickelte sich Herthas Stil zu einem Geduldsspiel, bei dem die Mannschaft das Geschehen auf dem Platz möglichst lange offen hielt und im günstigsten Fall Woronin (häufiger) oder Pantelic (seltener) mit ihren Toren den Unterschied machten. Dabei aber wird oft übersehen, dass vor allem der vom Boulevard als „König von Berlin“ gefeierte Woronin einen denkbar kurzen Höhenflug hatte. Acht seiner elf Tore schoss der Ukrainer binnen vier Wochen in den Monaten Februar und März. Er verstand sich auch nicht besonders gut mit dem Serben Pantelic. In den 17 Spielen, in denen beide gemeinsam den Hertha-Sturm bildeten, schoss Woronin ein Tor.

Pantelic und Woronin hatten eine Neigung dazu, den Ball lange zu halten, was im Erfolgsfall spektakulär aussah, sich aber nicht besonders gut mit dem von Favre favorisierten Kurzpassspiel vertrug. Wichniarek dagegen schlängelte sich oft unauffällig durch den Strafraum, in vielen Situationen berührt er den Ball nur einmal, zum Dribbling setzt er nur im Strafraum an. In den bislang fünf Testspielen hat er drei Tore geschossen und zwei Elfmeter herausgeholt. Favre glaubt, dass Herthas Angriffsspiel durch Wichniareks uneigennützige Spielintelligenz unberechenbarer wird. Dass er von den Pässen des Brasilianers Raffael profitieren wird, aber auch Räume schaffen wird für Gojko Kacar und Cicero, die Hauptdarsteller aus Herthas goldenem Herbst 2008. Für beide läuft es gut in der Vorbereitung. In den jüngsten Testspielen gegen Bursaspor und Ferencvaros Budapest (2:0) hießen die Torschützen jeweils Kacar und Cicero.

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