Sport : Seltsam allein

Ottmar Hitzfeld hat es schwer bei den Bayern – jetzt muss er noch seinen Verbündeten Oliver Kahn bestrafen

Daniel Pontzen

München. Als die drängelnde Journalistenschar endlich von ihm abgelassen hatte, stand Ottmar Hitzfeld regungslos vor dem Check- In-Schalter am Münchner Flughafen. Die schweren Falten in seinem Gesicht verdeckten jeden Anflug von Lockerheit, und obwohl Pressesprecher Markus Hörwick fast neben Hitzfeld stand, wirkte der Trainer von Bayern München seltsam allein. Die Vereinsoberen konnten ihm nicht zur Seite stehen, denn sie hatten ihre eigenen Probleme. Auf dem Weg zum Flughafen war ein Auto auf den Wagen von Manager Uli Hoeneß aufgefahren.

Der Blechschaden passt zur Situation des angeschlagenen FC Bayern. Der Ausflug zum Champions-League-Spiel in La Coruña (heute, 20.45 Uhr) droht nicht nur als Trip in die Tristesse des Uefa-Pokals zu entarten; er könnte auch Auslöser dafür sein, dass sich die gefährliche Gemengelage bei den Bayern in einer großen Krise entlädt.

Es passt auch ins Bild, dass in diesen ruhelosen Tagen ausgerechnet Hitzfelds bisher verlässlichster Angestellter neue Störungen ausgelöst hat. Oliver Kahn ging, wie der Trainer am Sonntag erfuhr, nicht nur während des Bayern-Spiels am Samstag gegen Hannover Golf spielen. Schon Freitagnacht hatte er sich als tanzender Titan bis halb sechs in einer Karlsruher Disko amüsiert. „Oliver Kahn hat den Zapfenstreich überschritten, und deshalb muss er eine Geldbuße zahlen, die seinem Gehalt angemessen ist“, sagte Hitzfeld. Er machte deutlich, wie sehr ihn die Disziplinlosigkeit ernüchterte, nachdem er ihn zuvor verteidigt hatte. „Er wollte eine Auszeit und hat versucht, den Kopf frei zu bekommen. Aber das heißt nicht, dass man bis morgens in die Disko gehen kann. Das war für mich schon enttäuschend.“

Vor allem deshalb, weil Kahn seit Jahren nicht nur tragende Figur in der Erfolgsallianz des FC Bayern war, sondern so etwas wie Hitzfelds Bruder im Geiste. Das Kahn-Dogma „Immer weiter, immer weiter“ verband die beiden. Bisher nur galt das Motto für den Platz, nicht die Disko. Überraschend auch, dass Kahn wenig Schuldbewusstsein zeigt. Im „Kicker“ antwortet er auf die Frage, wann er wieder spielen könne. „Voraussichtlich in Bremen. Falls ich kein Golfturnier habe.“

Besonders ärgerlich aus Sicht der Bayern ist die Tatsache, dass Kahns Paradigmenwechsel vom Musterprofi zum Teilzeit-Rebell zeitlich zusammenfällt mit der ohnehin diffizilen Umstrukturierung der Mannschaft. Die Metamorphose vom Team der Effenberg-Ära zu den generalüberholten Ballack- Deisler-Superbayern bereitet weit mehr Mühe als erhofft. In der Champions League stolperten die Münchner von einer Enttäuschung zur nächsten – und auch das letzte restlos überzeugende Bundesligaspiel liegt Wochen zurück.

Mehmet Scholl war der einzige, der die Schwächen nach dem jüngsten Rückschlag, dem 3:3 gegen Hannover, ansprach: „Die Mentalität muss sich ändern. Sonst droht uns ein Gewitter.“ Bislang haben die Bayern-Chefs fast auffällig darauf verzichtet. Franz Beckenbauer murmelte nach dem Spiel gegen Hannover lediglich: „Es muss was passieren.“ Manager Uli Hoeneß und Vorstandschef Karl- Heinz Rummenigge schwiegen. Sollte nach Mailand auch die zweite letzte Chance auf ein Weiterkommen in der Champions League vertan werden, dürfte sich der Frust entladen. Bisher war immer von der Entlassung zweier Spieler geredet worden. Nun macht die Bewerbung Guus Hiddink die Runde. Der Trainer des PSV Eindhoven soll seine Dienste angeboten haben.

Kurzfristig indes breitet Hitzfeld ein anderer Holländer Sorgen. Sollte Roy Makaay, der im Hinspiel dreimal traf, Normalform erreichen, hat die zuletzt extrem wacklige Defensive ein Problem. „Wir müssen die individuellen Fehler sofort abstellen“, sagte Hitzfeld. Das gelang den Münchnern zuletzt nur selten. Zudem steht mit Stefan Wessels ein Mann im Tor, der am Wochenende ebenfalls patzte. „Natürlich hat er das Vertrauen der Mannschaft“, sagt Hitzfeld, Wessels habe „auch schon überragende Spiele gezeigt“. Der 23-Jährige sagte: „Egal ob der Druck groß ist oder nicht, wir wollen gewinnen.“ Das Theater um Kahn schiebt er weg. „Ich konzentriere mich auf mich und nicht darauf, was über andere geschrieben wird.“

Kahn wird sich das Spiel aus sicherer Entfernung anschauen. Nach Spanien wollte er jedenfalls nicht mitfliegen. In seiner Freizeitgestaltung spielt der FC Bayern derzeit offensichtlich nur eine Nebenrolle.

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