Sport : Seltsame Quoten

Livewetten fördern den Betrugsverdacht im Tennis, ein Wettprofi hat eine lange Liste auffälliger Spiele

Frank Bachner

Berlin - Die Tipperei in den Computer, das Eingeben von Siegern, Verlierern, von Satzergebnissen, Finalresultaten – das ist gleich geblieben. Christian Plenz pflegt seine Tennisdatenbank, als wäre nichts passiert. Er hat sie seit vier Jahren, sie ist seine Arbeitsgrundlage. Eigentlich. Aber seit zwölf Monaten stellt er zunehmend fest, dass sie ihm mitunter nicht mehr viel nutzt. Christian Plenz aus Berlin, 33, gelernter Bankkaufmann, ist professioneller Wetter, er kümmert sich intensiv um Tennis. „Seit einem Jahr gibt es verstärkt auffällige Spiele“, sagt er. Er meint: Spiele, die möglicherweise manipuliert sind. Betrug im Tennis ist unter Experten seit langem ein Thema, aber jetzt behauptete ein deutscher Tennisprofi öffentlich und anonym, dass viele Partien verschoben seien. Plenz kommt beim Blick auf diverse Quoten zu einem ähnlichen Ergebnis.

Der Profiwetter setzt jetzt nur noch rund 100 Euro pro Wette und höchstens 5000 Euro pro Woche. Vor einem Jahr waren es noch 12 000 Euro wöchentlich. Und Livewetten platziert er gar nicht mehr. Zum Beispiel wegen dieser Geschichte in Bastad, einem ATP-Turnier im Juli 2007. Da trafen in der ersten Runde die Italiener Volandri und Luzzi aufeinander. Volandri ist Favorit, die Quote für einen Sieg von ihm marktgerecht. Aber Volandri spielt schlecht und verliert den ersten Satz. Seine Quote steigt kurzzeitig an. Genau in diesem Moment geht viel Geld auf seinen Sieg ein, unverhältnismäßig viel Geld. Die Quote sinkt jetzt wieder so stark, als wäre Volandri noch größerer Favorit. Am Ende siegt Volandri doch noch, und irgendjemand hat jetzt viel Geld gewonnen. Zweite Runde, Volandri gegen den Russen Schukin, gleiches Szenario, wieder ein Sieg des Italieners.

In einem Internetforum von Wettern wird nach diesem Spiel über Betrug diskutiert, nicht bloß bei diesem Duell, sondern in der Tennisszene generell. Außerdem bestätigen sich viele Wetter, dass sie Volandri schon länger im Verdacht haben. Auch bei einem Turnier in Umag, am 23. Juli, fällt Volandri wieder auf.

Plenz hat in seinem Computer eine lange Liste von auffälligen Spielen gespeichert. Auf den Argentinier Vassallo Arguello zum Beispiel wird er nie wetten. Der traf am 30. Juli in Sopot auf seinen Landsmann Gonzalez. Vassallo Arguello galt als Favorit, die Quote auf seinen Sieg betrug vor Spielbeginn marktgerecht 1,50. Aber Maximo Gonzalez gewann den ersten Satz und führte im zweiten 3:1, als plötzlich etwas sehr Ungewöhnliches passierte: Die Quote für einen Sieg Vassallo Arguellos hätte auf 10,0 hochschnellen müssen. Stattdessen blieb sie nach kurzem Hoch bei 1,80, weil jemand zum richtigen Zeitpunkt viel Geld auf einen Sieg von Vassallo Arguello gesetzt hatte. Und, wie es doch kommt: Vassallo Arguello gewinnt noch in drei Sätzen.

Im nächsten Spiel traf Vassallo Arguello auf den Russen Dawidenko. Obwohl Dawidenko, der Weltranglistenvierte, den ersten Satz gewann, war er laut Quote nur Außenseiter. Stattdessen wurde auf den Sieg des Argentiniers viel Geld gesetzt. Mit Erfolg: Dawidenko gab auf. Der Anbieter „Betfair“ weigerte sich wegen offenkundiger Manipulation, das Spiel zu werten. Ein einzigartiger Schritt. Denn normalerweise reagiert „Betfair“ nicht auf auffällige Spiele. Die Firma bietet nur die Wettplattform, die Spieler treten gegeneinander an, „Betfair“ kassiert Provision. Auch im dritten Spiel des Argentiniers war die Quote hochgradig verdächtig.

„Es ist ernüchternd, Tenniswetten zu setzen“, sagt Plenz. Seltsame Quoten entdeckt er in erster Linie bei mittelmäßigen ATP-Turnieren. Oft, sagt Plenz, seien Argentinier verwickelt, mitunter auch Italiener und Osteuropäer. Allerdings ist ihm bei deutschen Spielern noch nie etwas aufgefallen. Bei Top-Ten-Spielern, mit Ausnahme von Dawidenko, auch nicht.

Seit zwei, drei Jahren gibt es Livewetten im Tennis, das erhöht den Spielraum für Manipulationen. Vor allem kann man jetzt nahezu unbegrenzt Geld auf ein Spiel setzen. im Jahr 2004 noch fiel ein Wetter auf, der in St. Pölten 10 000 Euro auf einen Sieg des österreichischen Außenseiters Knowle gegen den Georgier Labadze setzte. Labadze galt schon lange als verdächtig, und als sich herausstellte, dass sich der Wetter ein Hotelzimmer mit dem Georgier teilte, verweigerte das Wettbüro die Auszahlung. Betfair bot danach Labadze-Spiele nicht mehr an.

Inzwischen bieten mehrere Wettbüros nur noch kleine, limitierte Wetten an. Nur hilft das dem Profiwetter Plenz im Moment nicht allzu sehr. Er würde gerne Informationen aus seiner Datenbank anderen Wettern verkaufen – Leuten, die sich nicht so intensiv ums Tennis kümmern wie er. Doch derzeit zögert er mit seinen Plänen. „Es wird“, sagt er, „einfach zu viel manipuliert.“

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