Sport : Seltsame Regeln

Wie der deutsche Verband seine Leichtathleten vor der WM stoppt

Frank Bachner

Ulm. Der Präsident legte sich mächtig ins Zeug für seine Athleten. In einem Brief an den Welt-Leichtathletik-Verband IAAF beschwerte sich Clemens Prokop, der Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) über die hohen A-Normen, die Athleten erfüllen müssen, damit sie zur Weltmeisterschaft 2003 nach Paris fahren dürfen. Nur 57 deutsche Athleten sind bisher qualifiziert.

Allerdings wäre es besser gewesen, Prokop hätte sich etwas zurückgehalten. Denn ausgerechnet der deutsche Verband ist dafür verantwortlich, dass bislang weniger Athleten als möglich zur WM dürfen. Gut möglich sogar, dass in Paris Athleten fehlen, die eigentlich qualifiziert gewesen wären. Die IAAF erlaubt nämlich, dass die A-Norm für die WM zwischen dem 1. Januar 2002 und dem 13. August 2003 erbracht werden darf. Der deutsche Verband dagegen reduziert den Zeitraum, in dem sich die Sportler für Paris qualifizieren dürfen, dramatisch. Wer zwischen 1. April und 3. August 2003 die geforderte Leistung (egal ob die hohe A-Norm oder die weichere B-Norm) nicht bringt, der muss zu Hause bleiben.

Opfer der DLV-Gangart könnte zum Beispiel Melanie Skotnik werden, die gestern in Ulm Deutsche Meisterin im Hochsprung wurde. Sie überquerte im Winter bei einem Hallen-Meeting in Dortmund 1,97 m, damit hätte sie die WM-A-Norm von 1,95 m erfüllt. Ihre Bestleistung seit 1. April beträgt nur 1,90 m. Mit eben dieser Höhe gewann sie gestern in Ulm. Dass der Weltverband sie dennoch bei der WM starten ließe, erfuhr sie in Ulm von Journalisten. „Ich bin völlig überrascht“, sagte die 21-Jährige vom LAC Quelle Fürth/München. „Vom Verband hätte ich davon nie erfahren.“

Beim Deutschen Leichtathletik-Verband gibt man sich hart. „Wir sind nicht verpflichtet, den IAAF-Zeitraum für Normen zu übernehmen“, sagte Rüdiger Nickel, Vizepräsident Leistungssport des deutschen Verbands. „Wir haben klare Regelungen, wenn wir davon abwichen, wäre dies das erste Mal.“ Hört sich markiger an, als es wirklich ist. Eine Ausnahme hatte der Verband schon im Winter gemacht. Da durfte Kugelstoßer Ralf Bartels zur Hallen-WM fahren, obwohl er die Norm nicht, wie gefordert, in der Hallen-Saison gebracht hatte, sondern im Sommer 2002. Die Großzügigkeit des Verbands zahlte sich allerdings nicht aus: Bartels kam bei der Hallen-WM in Birmingham nicht in den Endkampf.

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