Sport : Seltsame Solidarität

Das Pferd von Meredith Michaels-Beerbaum war gedopt – trotzdem fordern Kollegen ihren Olympiastart

Andreas Morbach[Aachen]

Aachen - Mit blütenweißem Hemd schritt Kurt Gravemeier gestern Mittag über den Aufwärm-Reitplatz des Aachener Springstadions. Beim Cheftrainer der deutschen Springreiter strahlte im Sonnenlicht das Hemd, bei Meredith Michaels-Beerbaum die Reiterhose. Immerhin. Denn ansonsten hatte die zierliche Frau, die neben ihrem Schwager Ludger Beerbaum und Marcus Ehning eigentlich als dritte Starterin für Olympia vorgesehen war, am Schlusstag des CHIO keinen Grund zum Strahlen. Verständlich, schließlich gilt ihr Wallach Shutterfly seit kurzem als Dopingfall.

Am Samstag wurde jene schockierende Nachricht bekannt, über die der Springausschuss des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) bereits vor drei Tagen unterrichtet worden war: Schon Ende April, beim Weltcup-Finale in Mailand, war bei Shutterfly eine Medikationskontrolle vorgenommen worden. Resultat: Bei der Analyse der A-Probe wurden Abbaustoffe des verbotenen Beruhigungsmittels Acepromazin gefunden. Über den positiven Befund wurden die deutschen Reiter am 8. Juni informiert, am vergangenen Mittwoch war klar, dass die B-Probe das Ergebnis der A-Probe bestätigt hatte.

Der Fall ist also klar und er hat einen Graben zwischen die DOKR-Verantwortlichen und die Springreiter gerissen. Die setzten sich nämlich an einen Tisch und gaben eine eidesstattliche Erklärung ab, in der sie sich für Michaels-Beerbaums Teilnahme in Athen aussprechen – im Widerspruch zum DOKR-Vorstand, der noch vor dem Triumph des Schweizers Markus Fuchs im abschließenden Großen Preis von Aachen – bei dem Michaels-Beerbaum nur 15. wurde – und der anschließenden Nominierungssitzung einen Olympiastart von Michaels-Beerbaum ausschloss: „Der Vorstand wird Meredith Michaels-Beerbaum dem Nationalen Olympischen Komitee (NOK) zur Nominierung zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen nicht vorschlagen“, hieß es in der Erklärung. Und so kam es dann auch: Michaels-Beerbaum wurde nicht für Athen nominiert. Das stand nach der Sitzung am Sonntagabend fest. Auch die Solidaritätsnote konnte die Verantwortlichen nicht umstimmen. „Das ehrt die Reiter, aber unsere Entscheidungen müssen wasserdicht sein. Wir können nicht am Ende mit nur drei Reitern in Athen stehen“, sagte Hendrik Snoek als Vorsitzender des Springausschusses.

Unterzeichnet hatten die Springreiter Marcus Ehning, Ludger Beerbaum, Marco Kutscher, Christian Ahlmann und Lars Nieberg. „Eine ehrenwerte Erklärung“, sagte Snoek. „Aber das ändert nichts daran, dass A- und B-Probe bei Meredith’ Pferd positiv waren.“ In Aachen durfte sie noch antreten. Denn nach den Statuten der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) ist ein Reiter erst gesperrt, wenn das Doping-Verfahren rechtskräftig ist. Dem NOK und dem Internationalem Olympischen Komitee (IOC) reichen dagegen für eine Sperre schon eine positive B-Probe.

Michaels-Beerbaum sagt, ihres Wissens seien Shutterfly noch nie acepromazinhaltige Medikamente verabreicht worden. Ihre Anwälte verweisen zudem auf Verfahrensfehler bei der Mailänder Probenentnahme, dennoch bleibt die Frage, warum die Reiterin trotz der bereits bekannten positiven B-Probe im Nationenpreis starten und nach dem Sieg des deutschen Teams mit den Kollegen in die Kameras lächeln durfte.

Die Verantwortlichen erzählen etwas von Fairness gegenüber Michaels-Beerbaum und dass man sich darüber schon „die Köpfe zerbrochen habe“ (DOKR-Geschäftsführer Reinhardt Wendt). Am liebsten wäre es ihnen gewesen, wenn der Dopingfall erst nach dem CHIO bekannt geworden wäre. In dem Punkt liegt auch Bundestrainer Gravemeier wieder auf einer Linie mit seinen Reitern, von denen Lars Nieberg gestern sogar sagte: „Ich hätte die Geschichte noch längr flach gehalten.“ Wie lange? „Bis nach Olympia.“ Deshalb wohl auch die eidesstattliche Erklärung, für die Gravemeier freilich nur einen Satz übrig hat. „Ich stehe nicht auf der Liste.“

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