Sport : Senegals Trommeln schweigen

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Von Helmut Schümann

Osaka. Fünf Spiele lang haben sie gesprochen, ausdauernd, ohne Pause. jetzt schweigen die Trommeln. Auch am lange Zeit stimmungslosen Viertelfinalabend in Osaka dröhnten sie aus der Ecke der senegalesischen Fans. 90 Minuten lang und noch ein paar dazu – dann brachte sie Ilhan Mansiz für immer bei dieser WM zum Ilhan Mansiz Verstummen. Ilhan Mansiz, geboren in Kempten, bei Türkgücu in München nie verpflichtet, aber im Training geduldet, war in der 66. Minute für den an diesem Abend in Osaka eingewechselt worden. Danach hatte er kurz den Sturm belebt, aber in der regulären Spielzeit auch nichts mehr ausrichten, das 0:0 nicht mehr ändern können. Aber als es in die Verlängerung ging, war Ilhan Mansiz da. In der vierten Minute verlängerte er eine Hereingabe von Ümit Davala. Golden Goal – wahrscheinliches Chaos am Goldenen Horn in Istanbul, die Türkei, erstmals wieder seit 48 Jahren bei einer WM dabei, steht im Halbfinale. Senegals Trommeln schweigen jetzt – was los ist in Istanbul, man kann es sich selbst im fernen Asien denken: „Es wird wohl etwas wild zugehen", sagte Trainer Senol Günes.

Hoffentlich passiert nicht wieder etwas. Als Ümit Davala, der Mann mit der Mohawk-Frisur, im Achtelfinale mit seinem Kopfball Japan aus dem Turnier schoss, ließen sich in der türkischen Heimat ungezählte Jugendliche die Haare auf nämliche Weise scheren. Einem gestrengen Vater war das zu weit gegangen in der Fußballer-Liebe. Der Sohn aber wollte sich nicht, wie aufgetragen, das Haar komplett scheren und nahm sich das Leben. Das ist eine traurige Geschichte aus der bekannt überbordenden Leidenschaft der Türken für ihre Fans. Manchmal ist sie auch herrlich und lässt in Chicago lebende türkischstämmige Amerikaner die weite Reise nach Asien antreten. Wer das auf sich nimmt, der darf auch ruhig blind sein vor Liebe: „Was für ein großes Spiel", sagte unser Mann aus Chicago zur Halbzeit. Na ja, die einen sagen so, die anderen so.

Verglichen mit den übrigen Partien dieser Weltmeisterschaft, verglichen besonders mit den beiden Viertelfinalspielen von gestern zwischen England und Brasilien und den USA gegen Kahn, war die Partie Senegal – Türkei ein ordentliches Spiel. Unter Bundesliga-Maßstäben war es lausig. „Wir haben das Spiel kontrolliert", sagte Trainer Günes, aber nicht einmal das stimmte. Ein Festival der ausgelassenen Chancen war es, und darin allein waren die Türken führend. Ja, da stellten sie in Hakan Sükür sogar den Weltmeister in dieser Disziplin. Das fing in der 25. Minute an, als der millionenschwere Mann von Parma allein vor dem bereits geschlagenen Torwart Tony Sylva den Ball nicht stoppen oder mit der Innenfläche ins Tor schubsen konnte. Und das hörte nicht auf, vier, fünf solcher Möglichkeiten ließ Sükür schmählich aus. Yilidiray Bastürk, falsch positionierter und daher uninspirierter Mittelfeldmann aus Leverkusen, addierte zwei weitere dazu, und die Arbeit von Hasan Sas, vorzügliche Arbeit übrigens, die der Glatzkopf von Galatasaray verrichtete, schien zu verpuffen. „Vielleicht mehr Talent, vielleicht aber auch nur mehr Glück", sei auf Seiten der Türken gewesen, sagte Senegals Trainer Bruno Metsu.

Und vielleicht auch mehr Fleiß. Denn unter all den kärglichen Bemühungen, bemühten sich die Türken noch am meisten. Und hatten das Glück, die Nase, was auch immer, Ilhan Mansiz einzuwechseln. Nun wiederholt sich die Geschichte, fast zumindest. Zum Auftakt ihres WM-Auftrittes hatten die Türken gegen Brasilien anzutreten. Sie hatten gegengehalten gegen die großen Künstler und waren sogar in Führung gegangen. Am Ende bedurften die Brasilianer jeder Menge Glückes und einer undiskutablen Schiedsrichterleistung, um doch noch zum Sieg zu kommen. „Unsere Chancen stehen 50:50", sagte Trainer Günes zum Abschluss und zum Halbfinale gegen die Brasilianer. 50:50 stehen sie immer vor einem Spiel. Dass sie ihre Prozentzahl mit der Wut aus dem Vorspiel und der Begeisterung zu Hause wesentlich verbessern könnten, sagte Günes nicht, man darf es sich denken.

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