Sport : Sensationen satt

Warum die Deutsche Eishockey-Liga unter einem chronischen Ergebnisdurcheinander leidet

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Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Berlin - Es ist eine Floskel, aber eine von hohem Wahrheitsgehalt: Sport lebt von Überraschungen. Wenn es die nicht gibt, wird eine Liga langweilig. Und wenn viele Überraschungen passieren, sind es keine Überraschungen mehr. Die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) scheint nach 14 Spieltagen in diesem Dilemma gefangen. Seit Wochen wird in den Stadien Ergebnis-Gaga zelebriert: Jüngster Höhepunkt war am Freitag ein 9:0-Auswärtssieg des Tabellenzwölften Düsseldorfer EG beim Tabellenzweiten Nürnberg Ice Tigers.

Düsseldorfs Manager Lance Nethery sagt, dass er so etwas „selten erlebt“ habe, aber dass er das Resultat auch nicht überbewerte. Warum auch? Drei Punkte liegen zwischen Tabellenplatz eins und acht: Sicher ist vor jedem DEL-Spieltag, dass nichts sicher ist. Außer vielleicht, dass Außenseiter Straubing und Aufsteiger München mal wieder Gegner schlagen, die sie von ihrer Substanz her nicht zuverlässig schlagen sollten. Die Münchener waren lange Tabellenführer, ihr Trainer Pat Cortina findet, „dass die Liga froh sein darf, dass wir nun dabei sind“. Das trifft nur bedingt zu. Denn weil die in den Großarenen spielenden Favoriten wie Köln, Düsseldorf oder Hamburg ihren Fans nicht zuverlässig Heimsiege liefern, verliert die Liga an Zuschauern. Ein Tabellenführer aus Wolfsburg, Straubing oder München ist für die Präsenz der DEL von Nachteil.

Das allgemeine Durcheinander hat strukturelle Ursachen. Viele Klubs haben nach der vergangenen Saison einen personellen Kehraus veranstaltet. Eingespielt und einstudiert ist da vielerorts nur wenig. Bei den Nürnbergern, die gegen die DEG ihre höchste Heimniederlage seit 14 Jahren erlitten, sind 13 neue Profis im Aufgebot, beim Vorjahreszweiten Augsburg sind es sogar 14. Es sei nicht einfach, sich auf so ein neues Team einzustellen, sagt Jeff Friesen. Der Stürmer der Eisbären hat am Freitag im torreichsten Berliner Saisonspiel mit seinen Kollegen die Schwaben 7:5 besiegt. „Bei fünf Gegentoren sollte man in einer Liga auf diesem Niveau nicht gewinnen können, das ist zu viel“, sagt er.

Trotzdem ist es so, dass Klubs wie die Eisbären, die auf personelle Kontinuität gesetzt haben, besser in die Saison gefunden haben als Klubs, „bei denen nur noch der Name derselbe ist“, wie Berlins Manager Peter John Lee sagt. München spielt mit mehr als der halben Aufsteigermannschaft. Auch Hannover, Sonntag Gastgeber der Eisbären (Beginn 14.30 Uhr), schickt seine – aufgrund von Sparzwängen leicht geschwächte – Meistermannschaft aufs Eis.

Weiterer Grund für das Ergebnisdurcheinander ist die allenthalben ähnliche Qualität des offensiven Personals. „Jedes Team hat drei oder vier Spieler, die ein Spiel entscheiden können“, sagt Berlins Stürmer André Rankel. Peter John Lee sagt dazu: „Gute Stürmer sind auf dem Markt einfacher zu finden als gute Verteidiger. Offensiv sind fast alle DEL-Teams stark aufgestellt, in der Defensive ist es ganz anders.“ Trotzdem sieht Lee die Inflation abenteuerlicher Resultate als vorübergehendes Phänomen. „In ein paar Wochen werden Überraschungen keine Normalität mehr sein, weil sich die besseren Mannschaften stabilisiert haben werden“, glaubt er. Es wäre besser für die Attraktivität der Liga.

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