Sport : Sensibelchen und Siegertypen

Frank Bachner empfiehlt Michael Phelps den Deutschen als Teil-Vorbild

Frank Bachner

Michael Phelps trägt einfach nur seine Ohrhörer und genießt still den Rap, der ihn zudröhnt. Das ist das stärkste Symbol seiner Größe. Im call room, dem Warteraum vor Schwimmrennen, läuft üblicherweise ein Psychokrieg. Wer verunsichert seine Gegner am meisten? Die US-Amerikaner sind darin Weltklasse. Sie lärmen, sie klatschen, sie singen, sie sind die echten Siegertypen. Phelps, der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten, hat solche Mätzchen nicht nötig. Es reicht, wenn ihn die Gegner bloß sehen.

Seine harte Arbeit hat er da schon geleistet, im Becken, im Training, im Kopf. Für jene deutschen Schwimmer, die gerade in Peking an Land geschwemmt wurden, gibt es kein größeres Anschauungsobjekt als diesen schlaksigen Typen aus Baltimore. Sie können nicht sein phänomenales Wassergefühl kopieren, aber sie können von seiner Einstellung, seiner Wettkampfhärte, seiner Disziplin lernen. Einer wie Phelps braucht starke Gegner, um sich zur Höchstleistung zu puschen. Keinen seiner Weltrekorde musste er so hart erarbeiten wie den über 400 Meter Lagen bei den US-Trials. Da setzte ihm Ryan Lochte bis zum letzten Meter zu. „Ohne Ryan hätte ich es nicht geschafft“, sagt Phelps. Mehrere deutsche Topschwimmer hatten ein paar Wochen zuvor mehr oder weniger auffällig auf die EM 2008 verzichtet, weil sie Angst vor einer Niederlage hatten. Sie hätten nicht in Bestform starten können, weil vier Wochen später Olympia-Qualifikation war.

Angeblich trainiert Phelps ja 365 Tage im Jahr, jeweils sechs Stunden. Das klingt nach PR-Gag. Sollte es wahr sein, dann ist Phelps vermutlich der einzige Mensch der Welt, der ohne übliche Regeneration ein extrem hartes Programm absolvieren kann. Wie er das schafft, bleibt sein Geheimnis. Nein, alles müssen die Deutschen nicht von ihm übernehmen.

Was passiert, wenn Sensibelchen aus Deutschland auf Typen wie Phelps treffen, lässt sich gut studieren. In Peking.

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