SERIE : Auch im Curling regiert Hightech Kältetechnik

Holger Höhne muss beim Wischen auf dem Eis hart arbeiten – ohne Besen ist sein Sport nicht denkbar

Holger Höhne
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Alles andere als Wischi-Waschi. Holger Höhne (rechts) ist pro Spiel zwei Kilometer mit dem Besen unterwegs. Foto: dpa

Wintersport ist eine technisch anspruchsvolle Angelegenheit. Da werden Kufen geschliffen, Ski gewachst und Schlitten konstruiert. Manchmal kann das Material sogar über den Sieg entscheiden. In unserer Serie erklären erfolgreiche Athleten, wie sie ihre Sportgeräte pflegen, an ihnen basteln und mit ihnen verreisen. Heute: Holger Höhne über den Besen der Curler.

Als ich mit dem Curling angefangen habe, gab es noch ein paar blöde Witze: Wegen der Besen wurde Curling manchmal als „Hausfrauensport“ veralbert, besonders hier in Füssen, einer traditionellen Eishockeystadt. Aber inzwischen ist die Sportart so weit verbreitet und bekannt, dass wir das gar nicht mehr hören.

Und ohne Besen ist Curling auch gar nicht denkbar. Es ist die einzige Möglichkeit, um die Bahn eines Steins noch zu beeinflussen, sobald er die Hand verlassen hat. Durch die Reibung auf dem Eis kann man den Stein steuern: Die Oberfläche vor dem Stein schmilzt, auf dem entstandenen Wasserfilm dreht sich der Stein weniger stark, sondern rutscht gerader und länger. Je heftiger man wischt, desto weiter gleitet der Stein. Bis zu dreieinhalb Meter kann man so herausholen.

In den Anfangstagen des Curlings waren die Borsten der Besen aus Stroh oder Rosshaar. Die Zeiten sind längst vorbei, heute regiert auch hier Hightech. Unsere Besen beziehen wir aus Kanada. Es gibt noch keine Spezialanfertigungen – aber wer weiß, was Vancouver 2010 bringt. Es wird so einiges gemunkelt, gerade bei den hochprofessionellen Kanadiern und Schotten. Teuer sind die Besen schon heute: Einer kostet 250 Euro. Dafür ist er auch aus Carbon gefertigt und hat am unteren Ende ein Gelenk, mit dem man den Kopf bewegen kann, auf dem ein abnehmbares Kunststoffkissen sitzt. Dieses „Pad“ muss ich im Schnitt nach jedem Spiel auswechseln, weil es abgerubbelt ist. Bei einem Preis von 15 Euro pro Pad und schätzungsweise 40 bis 50 Stück pro Saison kommt da eine ganz schöne Summe zusammen.

Bei jedem Spiel bin ich ungefähr zwei Kilometer mit dem Besen wischend unterwegs. Um ein einwöchiges Turnier wie die gerade zu Ende gegangene EM durchzustehen, muss man fit sein. Dafür trainiere ich besonders meinen Oberkörper, die Arme und Schultern. Zusätzlich haben wir bei großen Turnieren eine Physiotherapeutin dabei, die uns zwischen den Spielen mit einer Massage wieder locker macht.

Bei der EM in Schweden ist einer unserer Besen kaputt gegangen: Der Kopf wurde zwischen zwei Steinen eingeklemmt und ist abgebrochen. Da waren wir dann schon froh, dass wir die Besen von Sponsoren gestellt bekommen haben. Spieltechnisch war es kein Problem, ich kann beispielsweise auch mit dem Besen eines Mitspielers weitermachen, so groß sind die Unterschiede da nicht. Wir sind bei der EM dann ja auch Dritte geworden und haben uns damit für die Weltmeisterschaft in Kanada und die Olympischen Spiele 2010 in Vancouver qualifiziert. Es werden meine dritten Spiele sein. Mit meinem Klub CC Füssen, der zurzeit auch die deutsche Curling-Nationalmannschaft stellt, bin ich außerdem elf Mal Deutscher Meister und zweimal Europameister geworden.

Die internationale Konkurrenz schläft nicht: Die Schotten – das Mutterland des Curlings – haben sogar einen Forschungsbesen entwickelt, mit dem man die Wischgeschwindigkeit und den Druck, der auf das Eis ausgeübt wird, messen kann. Die Erkenntnisse liegen wahrscheinlich in einem Safe beim schottischen Curlingverband. Im Spiel wechseln die Schotten beim Wischen eines Steins manchmal die Positionen, wir haben bisher noch nicht raus- gefunden, was das bewirkt. Die Entwicklung des Forschungsbesens hat 100 000 Euro gekostet: Das können wir uns leider nicht leisten. Aber einer meiner Mitspieler hat als Diplomarbeit für unser Training eine Maschine entwickelt, die Steine immer mit exakt der gleichen Geschwindigkeit anschiebt. Das ist doch auch schon nicht schlecht, oder?

Wenn es einmal nicht gut läuft im Curling, kann man das leider nicht auf den Besen schieben. Dann schon eher auf den Stein: Manchmal sind da richtige Gurken dabei, die nicht so laufen, wie sie eigentlich sollten. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Aufgezeichnet von Lars Spannagel. Bisher erschienen: Jenny Wolf über Schlittschuhe (22.12.), Michael Neumayer über Sprung-Skier (29.12.), Kathrin Hitzer über das Gewehr der Biathleten (30.12.).

Folge 4:

CURLING-BESEN

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