Sport : Serie auf Bewährung

Pro Tour stößt in der Radsport-Szene auf Skepsis

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Berlin Lance Armstrong geht ab heute auch an den Start, aber an das Weiße Trikot denkt er sicher nicht. Das Trikot, das jeder Radprofi einmal getragen haben möchte, ist jenes, in dem man Armstrong kennt: das Gelbe des Führenden bei der Tour de France. Etwas Größeres gibt es nicht. Doch wenn es nach den Reformern im internationalen Radsport geht, soll sich dies bald ändern. Das wertvollste Trikot soll eines Tages ein weißes sein, mit dem blauen Emblem der Pro Tour. Tragen darf es der Sieger der neuen Rennserie, die heute mit dem ersten großen Rennen der Saison, der einwöchigen Fernfahrt Paris – Nizza, eingeführt wird.

Die Pro Tour ersetzt den bisherigen Weltcup und die Weltrangliste – zwei Ganzjahres-Wertungen, die von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden. „Ich bin Fan der Pro Tour“, sagt der deutsche Profi Erik Zabel, der das ganze Jahr über vordere Platzierungen einfährt. „Es wird aber schwer, Leute, die keine harten Fans sind, für so viele Rennen zu begeistern.“

Mehr Transparenz, mehr Aufmerksamkeit und damit auch mehr Geld soll die neue, geschlossene Serie mit den 29 wichtigsten Rennveranstaltungen bringen. So wie in der Formel 1 oder der Champions League im Fußball. Doch so weit ist es noch lange nicht, die Pro Tour ist in ihrem ersten Jahr ein Kompromiss auf Bewährung. „Es ist das Ergebnis langer Bemühungen. Wichtig ist, dass es jetzt überhaupt losgeht“, sagt Hein Verbruggen, der Präsident des Weltverbandes UCI. Er hat die Pro Tour durchgesetzt, gegen den Willen der großen Veranstalter. „Die Pro Tour startet heute gar nicht. Sie ist rein virtuell“, sagt Patrice Clerc, der Chef der Amaury Sport Organisation (ASO), dem Veranstalter der Tour de France und anderer wichtiger Rennen. Der Radsport ist mit seinen großen Rundfahrten und Eintages-Klassikern historisch eine Ansammlung einzelner, dezentraler Veranstaltungen. Die Tour de France ist das Ereignis schlechthin, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Die Veranstalter der großen Rundfahrten wie der Tour, des Giro d’Italia und der Vuelta lassen sich im offiziellen Rennkalender nur deshalb als Pro-Tour-Rennen führen, weil sie ihre Rennen weiter selbst vermarkten dürfen.

Die ASO hat bisher selbst entschieden, welche Teams bei der Tour starten dürfen. Doch in der Pro Tour sind 20 Rennställe lizenziert, die bei allen Rennen starten dürfen und müssen. Ihnen wird von den Veranstaltern in diesem Jahr ein Startrecht bei der Tour gewährt. Viele Rennställe, unter ihnen die deutschen Teams T-Mobile und Gerolsteiner, stehen hinter der Reform. Sie glauben an eine Imageverbesserung und haben wegen der Teilnahmeverpflichtung an allen Rennen Geld in größere Kader und aufwändigere Infrastruktur gesteckt. Dafür haben fast alle eine Lizenz für vier Jahre bekommen. Einen sportlichen Auf- oder Abstieg gibt es für die Rennställe nicht, die Pro Tour ist eine wirtschaftliche Serie. Und feiert ihren Sieger im stark in Mythen und Traditionen verhafteten Radsport mit einem weißen Trikot ohne Geschichte.

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