SERIE : High noon auf der Piste Neuschnee

Ski-Cross ist das direkte Duell mit den Gegnern: aufregend, faszinierend, aber auch sehr gefährlich.

Christian Aichner

Der Winter ist jung geworden. Neben den klassischen Wintersportarten wie Rodeln, Langlauf oder Skispringen hat sich eine neue Generation von Wintersportarten entwickelt. Sie sind als Lifestyle-Disziplinen gestartet, inzwischen aber schon teilweise im durchorganisierten und standardisierten olympischen Programm gelandet. Über die neuen Sportarten im Spannungsverhältnis zwischen Jugendlichkeit und olympischem Anspruch berichten wir in unserer Serie Neuschnee. Heute Folge 2: Ski-Cross.

Sie sind schnell, sie sind waghalsig, sie fahren in der Weltspitze mit, dennoch sind die deutschen Ski-Crosserinnen hierzulande noch lange nicht so bekannt wie etwa die Ski-Alpin- und Biathlon-Stars Maria Höfl-Riesch und Magdalena Neuner. Die haben Olympiagold und viele Werbeverträge. Die erfolgreichsten deutschen Ski-Crosserinnen, die 23-jährige Heidi Zacher und die 22-jährige Anna Wörner, sind davon noch weit entfernt. Sie stehen, wie ihr Sport, erst am Anfang.

Erst seit 2010 ist Ski-Cross olympisch. Damals, in Vancouver, war die Sportart so etwas wie das coole Gesicht der Winterspiele. Helmut Herdt, sportlicher Leiter des deutschen Ski-Cross-Teams, wunderte das nicht. „Wenn sich vier Fahrer gleichzeitig in die Piste stürzen, ist das für alle, auch die Zuschauer, Adrenalin pur“, sagt er.

Die Ski-Cross-Euphorie brach nach den Olympischen Spielen aber doch nicht aus. Das liegt auch an der fehlenden Medienpräsenz. Die ändert sich in dieser Saison, der Heimweltcup in Bischofswiesen Ende Februar wird live im Free-TV zu sehen sein. Bisher waren nur Zuschauer von Eurosport 2 live dabei.

Die deutschen Ski-Cross-Größen Zacher und Wörner sind noch gar nicht lange bei dieser Sportart. Beide waren klassische Alpin-Fahrerinnen. Bis sie Ski-Cross entdeckten. „Für mich ist gerade der direkte Kampf ums Weiterkommen so faszinierend. Im Alpinen fehlt mir das ebenso wie die Elemente auf der mit Sprüngen, Steilkurven und Wellen gespickten Strecke“, sagt Wörner. Und Zacher sagt: „Das direkte Duell gibt es nur bei uns. Du stehst im Starthaus, hörst die anderen aufgeregt atmen und weißt: Du musst jetzt schneller sein als die drei neben dir.“

Das hört sich einfach nur aufregend an. Aber Zacher sagt in diesem Moment nicht, wie risikoreich das Ganze auch ist. Und dieses Risiko hat sie gerade hautnah drastisch erlebt. Beim Weltcup im österreichischen St. Johann brach sie sich den Unterschenkel. Für sie ist die Saison vorzeitig beendet. Die Deutsche Meisterin, die 2011 ihren ersten Weltcupsieg in St. Johann gefeiert hatte, war im Finale an dritter Stelle bei einem Überholmanöver gestürzt. Anna Wörner dagegen wurde Zweite.

Im vergangenen Jahr kämpfte Zacher bis zum letzten Rennen auch um den Sieg im Gesamtweltcup. Wörner gewann ein Weltcuprennen und beendete das Gesamtklassement auf dem siebten Platz.

Zacher arbeitet bei einer Bank, Wörner macht eine Ausbildung zur Erzieherin, aber für Wettbewerbe und Training werden sie von ihren Arbeitgebern freigestellt. „Unsere Saison startet am 1. Mai. Dann heißt es fünfmal Training pro Woche“, sagt Herdt. Alles ist professioneller geworden. So werden die Athleten vom Deutschen Skiverband auf und neben der Strecke rundum versorgt. Zum Ski-Cross-Tross gehören neben dem Trainerstab ein Serviceteam für schnelle Ski sowie ein Physiotherapeut und ein Arzt.

Wie wichtig gerade die Letztgenannten sind, hat sich nicht bloß in St. Johann gezeigt. Ski-Cross ist gefährlich. Bei der WM 2011 stürzte Zacher im Halbfinale, dabei verschob sich ein Brustwirbel. Der Traum von der Medaille war zu Ende. Doch Herdt denkt langfristig, er sieht die bisherigen Ergebnisse als gute Basis. „Wir sind bei den Männern und Frauen zusammengenommen 16-mal unter die Top ten gefahren. Wenn das wieder gelingt sollte, ist es ein Erfolg.“ Das hatte er allerdings vor Zachers Saison-Aus erklärt.

Für die restlichen deutschen Crosserinnen ist das Heimrennen in Bischofswiesen der Saisonhöhepunkt. „Gerade wenn die Familie und Freunde dabei sind, steigt die Motivation", sagt Anna Wörner. Nächste Folge: Slopestyle

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SKI-CROSS

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