Serie Olympisches Berlin (4) : Sportforum Hohenschönhausen: Medaillen aus Wellblech

Das Sportforum Hohenschönhausen war in der DDR erfolgreiche Kaderschmiede, auch heute ist es noch ein einzigartiges Leistungszentrum. Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele wird hier noch geschwitzt.

von
Willkommen im Sportforum Hohenschönhausen. Den meisten Berlinern wahrscheinlich nur ein Begriff, ...Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kitty Kleist-Heinrich
04.02.2014 16:29Willkommen im Sportforum Hohenschönhausen. Den meisten Berlinern wahrscheinlich nur ein Begriff, ...

Ottmar Trittels großer Stolz parkt in einem kleinen Kabuff der Eisschnelllaufhalle. Seine beste Maschine – ohne die läuft hier nichts. „Sonderanfertigung“, sagt der Mann mit dem angegrauten Haar. Ein Lächeln huscht über sein kantiges Gesicht. Dann sprudelt es aus Trittel heraus: „Na raten Sie doch mal, was so eine Eisaufbereitungsmaschine mit allen Extras kostet. Kommen Sie nicht drauf. 150 000 Euro.“ Drei davon haben sie in der Eisschnelllaufarena, Teil des Trittelschen Reichs.

Der Endfünfziger ist Herr über die wichtigsten Hallen im Sportforum Berlin. Er zeigt auf die 400-Meter-Bahn, wo ein Eismeister gerade die Fläche aufbereitet. Trittel nickt zufrieden: „Der macht gute Arbeit.“ Nur leider werde die oft nicht gewürdigt. Vor ein paar Jahren hätten sich ein paar Läuferinnen bei einem Wettkampf mal heftig beschwert. Zum Glück habe Gunda Niemann dann im selben Rennen noch einen Bahnrekord aufgestellt. „Gunda, du hast uns gerettet, habe ich ihr gesagt.“

Ohne Trittel, einst im DDR-Bahnradfahrteam in der Vierer-Mannschaft der Verfolger aktiv, läuft wenig im Sportforum in Hohenschönhausen – dem Zentrum des Berliner Leistungssports. Sportanlagen auf über 45 Hektar Gelände, Hauptnutzer ist der Olympiastützpunkt Berlin. Täglich schwitzen mehr als 3000 Sportlerinnen und Sportler auf dem Gelände, auf dem auch das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB) mit mehr als 1000 Schülern beheimatet ist. Zehn Prozent der Bundeswehrkaderathleten, insgesamt 300, trainieren hier.

Ohne das Sportforum würde es wohl kaum ein Berliner Sportler bis zu den Olympischen Spielen schaffen. Erst recht nicht zu Winterspielen wie nun in Sotschi. Dort starten in ein paar Tagen zwölf Berliner im deutschen Team. Von Eisschnellläuferin Claudia Pechstein bis Eiskunstläufer Peter Liebers haben sie alle Wurzeln im Sportforum – auf einer Anlage, die es ohne die DDR so nicht geben würde.

Robert Harting isst heute noch in der Schulmensa

Das sieht auch Gerd Neumes, Rektor der Sportschule, so. „Das war hier die Kaderschmiede“, sagt er. „Früher wurde gewitzelt, dass Sportler aus dem Sportforum mehr Medaillen geholt haben als die gesamte britische Olympiamannschaft.“ Aber das sei natürlich lange vorbei. Seit 1991 ist Gerd Neumes Schulleiter. Seitdem habe sich viel verändert. Einiges ist geblieben. „Unsere Athleten sind nach wie vor erfolgreich, national fast alle im oberen Niveau.“ Und darüber hinaus. Goldmedaillengewinner Robert Harting isst heute noch ab und an in der Schulmensa. Die Berührungspunkte zwischen Nachwuchs und Vorbildern seien groß. Neumes kennt sie alle. Von Claudia Pechstein über Sven Felski bis zur Eisschnellläuferin Jenny Wolf, die nun auch in Sotschi startet.

Das Sportforum in Berlin-Hohenschönhausen
Willkommen im Sportforum Hohenschönhausen. Den meisten Berlinern wahrscheinlich nur ein Begriff, ...Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Foto: Kitty Kleist-Heinrich
04.02.2014 16:29Willkommen im Sportforum Hohenschönhausen. Den meisten Berlinern wahrscheinlich nur ein Begriff, ...

Alle Olympiastarter aus Berlin haben im Sportforum trainiert, sieben Eisschnellläufer, drei Eiskunstläufer und zwei Eishockeyspielerinnen. Sieben davon sind in Hohenschönhausen erwachsen geworden und Absolventen des SLZB. Neben Wolf, Pechstein und Liebers noch die Eisschnellläufer Bente Kraus, Monique Angermüller und Samuel Schwarz sowie die Eistänzerin Tanja Kolbe, die in Russland im Paarlauf startet. „Was meinen Sie, was die ehemaligen Lehrer stolz sind, wenn einer ihrer Schüler etwas gewinnt“, sagt Neumes. Der Komplex Sportforum sei eben einmalig in seiner Art, europaweit. „Aber, sind wir ehrlich, so eine Anlage wie hier würde heute in Deutschland niemand mehr bauen.“

Der Sportstättenkomplex entstand in den fünfziger Jahren. 1950 wurden auf dem Gelände die Reste einer riesigen Flakstellung aus dem Zweiten Weltkrieg beseitigt. Ab 1956 wurde gebaut nach Entwürfen eines Architektenkollektivs. Das Gebäudeensemble steht unter Denkmalschutz. 35 Sportanlagen, darunter drei Eissporthallen, zwei Turnhallen, ein Fußballstadion sowie weitere acht Hallen und Freianlagen für Leichtathletik, Handball, Volleyball, Judo, Fechten, Bogenschießen, Fußball und die jüngst errichtete Beachvolleyballhalle.

Seite 1 von 2 Artikel auf einer Seite lesen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben