Serie Winterreise : Khanty-Mansiysk: Feucht, fleischig, fettig

Im westsibirischen Khanty-Mansiysk feiern die Biathleten an diesem Wochenende ihren Saisonausstand. Der deutsche Biathlet Arnd Peiffer über einen ganz besonderen Austragungsort.

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Arnd Peiffer über Khanty-Mansiysk.
Arnd Peiffer über Khanty-Mansiysk.Foto: dpa

Für die meisten Menschen sind es keine Sehnsuchtsorte – doch unter Wintersport-Fans sind ihre Namen so bekannt wie Metropolen: Kuusamo, Pokljuka, Sapporo. Sie sind gerade Fernsehzuschauern so vertraut, weil hier jedes Jahr Weltcups stattfinden. In unserer Serie erzählen deutsche Athleten, wie es dort wirklich aussieht. Heute zum Abschluss: Arnd Peiffer über Khanty-Mansiysk.

Mit Khanty-Mansiysk verbindet Arnd Peiffer zuallererst sehr entspannte Arbeitsbedingungen – seinem Status als Angehöriger einer der großen Biathlon-Nationen sei Dank. Denn die sind auf der russischen Weltcupstation stets in einem der sieben Häuser direkt an der Strecke untergebracht. „Es gibt dort auch noch ein Hotel, und ein paar wohnen mit Sicherheit in der Stadt. Aber wir haben's halt gut“, sagt Peiffer.

„Total entspannt“ sei das alles, erzählt der 28-Jährige. Kein Wunder, wenn man wie er nur ein paar Treppenstufen abwärts gehen muss und schon im Stadion steht, 150 Meter Luftlinie vom eigenen Bett entfernt. Ein gemachtes Nest, dessen Vorzüge Peiffer auch konsequent nutzte: In Khanty-Mansiysk gelang ihm 2009 im Sprint der erste Weltcupsieg, zwei Jahre später wurde er an gleicher Stelle Sprintweltmeister, der größte Einzelerfolg seiner Karriere.

Etwas wehmütig wird der lange Niedersachse deshalb, wenn er an die Zukunft denkt. Denn der Klassiker für das Weltcupfinale der Skijäger hat nach der jetzigen Veranstaltung Pause, für die nächsten beiden Winter hat sich der russische Verband auf das 500 Kilometer südwestlich gelegene Tjumen festgelegt. „Ich find's schon schade“, bekennt Peiffer. „Und ich könnte mir vorstellen, dass die Russen, wenn es erst mal so weit ist, beim Austragungsort nicht wieder zurückwechseln.“

Für wilde Biathlon-Partys ist Khanty-Mansiysk bekannt

Das klingt leicht nostalgisch, und so wird er in den freien Stunden sicher noch mal durch die 80 000-Einwohner-Stadt bummeln. Khanty-Mansiysk liegt auf einem Hügel, von dem aus man einen schönen Blick auf die um diese Jahreszeit immer zugefrorenen Ob und Irtysch hat. „Das ist wie eine Gabelung, die Flüsse sind unheimlich breit. Man hat das Gefühl, man ist am Meer“, erzählt Peiffer, der sich zudem gut an große Denkmäler und die Auferstehungskirche erinnert.

„Dort gibt es aber auch kleine Hutschelhäuschen, mit schiefen Fenstern, wo ein bisschen Plastikfolie davorgetackert ist, damit es nicht durch die Ritzen pfeift. Und nebendran stehen irgendwelche Prunkbauten“, berichtet Peiffer von „typisch russischen“ Gegensätzen in Khanty-Mansiysk, das, seit 1992 Hauptstadt des Autonomen Kreises der Chanten und Mansen, durch die Ölförderung zu einer der reichsten Städte Russlands aufgestiegen ist.

Aufgedreht. Die Ölförderung hat den Ort reich gemacht. Foto: Reuters/Karpukhin
Aufgedreht. Die Ölförderung hat den Ort reich gemacht. Foto: Reuters/KarpukhinFoto: REUTERS

Mit Hilfe großzügiger Fördergelder wurde Khanty-Mansiysk innerhalb weniger Jahre zu einer Top-Adresse im Frauen-Wasserball. 2010 und 2014 wurden hier hochrangige Schachturniere ausgetragen, zwei Mal die Biathlon-WM. Die Anreise, früher schon mal eine abenteuerliche Angelegenheit, läuft dank direkter Charterflüge längst reibungslos ab. Komplizierter ist die Sache mit den Gewehren. „Mit den Waffen ist Russland ein bisschen speziell. Die darf man dort nicht einfach mit sich führen, sondern muss sie in der Waffenkammer abschließen und dafür unterschreiben“, erzählt Peiffer. „Zudem gibt es eine gewisse Sprachbarriere.“

Nur vom Hörensagen kennt der Mann, der beim Sprint am Freitag seinen 29. Geburtstag feiert, dagegen die Geschichten von den wilden Biathlon-Partys zum Abschluss der Saison, für die Khanty-Mansiysk bekannt ist. Die steigen immer samstags, doch Peiffer war am nächsten Tag bislang in aller Regel im Massenstart dabei. Beim gemeinsamen Abschiedsbier am Sonntag ist er aber stets mit von der Partie. Und ganz vorn dabei, wenn irgendwo sein Leibgericht serviert wird: Borschtsch.

Peiffer ist ein ausgesprochener Fan der rötlichen Suppe. Ansonsten ist ihm das Essen in Khanty-Mansiysk – „wo man den ganzen Tag über Fleisch essen könnte“ – eine Spur zu deftig. Etwas fettig und arg herzhaft sei die örtliche Küche. „Aber“, überlegt Peiffer, „wenn es so kalt ist wie hier, braucht man halt ein bisschen Winterspeck.“ Die Temperatur in Khanty-Mansiysk bei Ankunft des Biathlon-Trosses am Montag: minus 15 Grad.

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