Shorttrack : Der alte Löwe und das Eis

Shorttracker Apolo Anton Ohno wollte seinen Sport gar nicht ausüben – nun könnte er erfolgreichster Olympionike der USA werden.

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Zu schnell für den Rest. Apolo Anton Ohno will am Samstag seine siebte Olympiamedaille gewinnen. -Foto: dpa

Nordamerikaner lieben Zahlen bekanntlich über alles. Folgen dieser Leidenschaft sind unter anderem: die letzte globale Finanzkrise, die große Popularität des Basketball in den USA – oder der olympische Medaillenspiegel in den US-Zeitungen. Anders als in Deutschland gelten einem Plakettenzähler in Amerika zum Beispiel sechs goldene Medaillen weniger als sieben bronzene. Einer der Profiteure dieses Systems heißt Apolo Anton Ohno. Der US–Amerikaner hat am Samstag im Pacific Coliseum die Gelegenheit, Ex-Olympionikin Bonnie Blair vom ersten Platz der nationalen Medaillen-Statistik zu verdrängen.

An dem Eisschnelllauf-Star Eric Heiden, der mit einem kompletten Satz von fünf Goldmedaillen der Superstar der Winterspiele 1980 wurde, ist der 27 Jahre alte Shorttracker seit seinem zweiten Platz über 1500 Meter am vergangenen Samstag im Tableau schon vorbeigeflitzt. Noch eine weitere Medaille, dann hätte Ohno – aktueller Medaillenstand: jeweils zwei Mal Gold, Silber und Bronze – auch die einstige Eisschnellläuferin Blair (5/0/1) hinter sich gelassen

An diesem vielleicht historischen Tag wird Apolo Anton Ohno im ersten Viertelfinale zunächst auch gegen den gebürtigen Kanadier Tyson Heung antreten, der für den Eislaufverein Dresden startet. Und bevor es losgeht, wird Ohno garantiert wieder gähnen: sein Markenzeichen. „Ich habe das schon immer gemacht“, erklärt der Mann aus Seattle im US-Bundesstaat Washington. Und nach seiner ersten von vier möglichen Medaillen, die er in Vancouver ergattern kann, sagte Ohno zum Thema Gähnen noch: „Mein Vater nennt mich deshalb immer den ‚Alten Löwen’. Ich denke, ich brauche mehr Schlaf.“

Sein japanischer Vater ist Ohnos wichtigste Bezugsperson

Der Name von Papa Yuki, gebürtiger Japaner und Besitzer eines Friseursalons, fällt meistens, wenn es um Ohnos Erfolge geht. Kein Wunder: Der Vater war nach der frühen Trennung von Ohnos Mutter immer der wichtigste Bezugspunkt in dessen Leben. So brachte er seinen Jungen auch zu dem Sport, in dem Apolo Anton Ohno seit der ersten Olympia-Teilnahme in Salt Lake City zum Branchenführer aufstieg. Mit dem Vater, der ihm vor jedem Rennen die Haare stylt, als Wegbereiter.

Bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer saß Yuki Ohno zu Hause vor dem Fernseher und fand Gefallen an dem rasanten, aggressiven Mehrkampf auf Eis und kaufte seinem damals zwölfjährigen Sohn zum nächsten Weihnachtsfest ein Paar Shorttrack-Schuhe. Zur selben Zeit plagte den Vater aber auch die Sorge, Apolo Anton könnte sich in Seattle einer der zahlreichen Straßengangs anschließen und so auf die schiefe Bahn geraten. Weil Ohnos Begabung den US-Nachwuchstrainern früh auffiel, hielt es sein Vater für eine prima Idee, ihn in ein nationales Eisschnelllauf-Programm nach Lake Placid zu schicken.

Nur: Der Sohn wollte nicht. Als Vater Yuki ihn am Flughafen abgesetzt hatte, stieg er nicht in die Maschine nach Lake Placid, sondern zu ein paar Freunden ins Auto und verschwand für die nächsten drei Tage. „Ich war so jung, ich habe das gar nicht realisiert. Ich war einfach total rebellisch – gegen alles, gegen alle Erwachsenen“, sagt Ohno, der ein Jahr später dann irgendwie doch in Lake Placid landete.

2002 wird er in Südkorea zum Staatsfeind Nummer eins

Es begann eine turbulente Karriere: 2002 gewann Ohno über 1500 Meter nicht nur sein erstes olympisches Gold, sondern wurde mit diesem Rennen in Südkorea zugleich zum Staatsfeind Nummer eins. Weil der ursprüngliche Sieger Kim Dong Sung nach einer Rempelei mit dem wilden US–Amerikaner disqualifiziert worden war. Apolo Anton Ohno erhielt Morddrohungen – und als Südkorea wenige Monate später im WM-Spiel gegen die USA zum 1:1 ausglich, feierte der Torschütze seinen Treffer, indem er ein paar Schlittschuhschritte auf dem Rasen machte.

Nach den Spielen 2006 in Turin stellte Apolo Anton Ohno seine Shorttrack-Schuhe vorübergehend in die Besenkammer, arbeitete für eine Talent-Agentur, trat in Fernsehshows auf, genoss das Leben. Jetzt ist er wieder zurück, gewinnt weiter Medaillen – und ärgert schon wieder die Südkoreaner. Und das, obwohl mit Lee Jung-Su ein Abgesandter des Shorttrack-Giganten aus Asien das erste Gold in Vancouver gewonnen hat. Die eindeutig bessere Laune bei der Siegerehrung hatte aber nicht der 20-jährige Lee, sondern Konkurrent Ohno, der einmal mehr seine Privatshow abzog. Ganz munter, auf dem Silbertreppchen.

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