Sport : Showdown in 3600 Meter Höhe

Frank Kohl

Der brasilianische Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari hat eigentlich schon genug um die Ohren. Seine Mannschaft liegt in der Südamerika-Gruppe am vorletzten Spieltag auf dem vierten Platz, der gerade noch zur direkten Teilnahme an der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 berechtigt. Der vierfache Weltmeister muss heute ausgerechnet in der dünnen Luft des 3600 Meter hoch gelegenen La Paz gegen Bolivien gewinnen. Und dann machte der Weltverband Fifa in der vergangenen Woche auch noch Scolaris akribisch ausgetüftelten Trainingsplan zunichte.

Die oberste Fußballinstanz hatte nämlich entschieden, dass die für die Selecao berufenen Spieler am Wochenende erst für ihre Vereine spielen mussten, ehe sie nach Brasilien reisen konnten. Und so trudelten die in Europa kickenden Stars wie Herthas Marcelinho und Barcelonas Rivaldo erst am Montagmittag ein. Der brasilianische Verband CBF hatte noch am Freitag versucht, das Spiel von Mittwoch auf Donnerstag zu verschieben, um wenigstens zwei Trainingseinheiten mit der gesamten Mannschaft absolvieren zu können, aber sowohl der bolivianische wie auch der südamerikanische Verband lehnten ab.

Zum offiziellen Trainingsbeginn am Samstag stand Scolari mit nur vier Spielern verloren auf dem Trainingsgelände, während sein bolivianischer Kontrahent Carlos Trucco bereits mit der kompletten Mannschaft trainierte. Der in der Bundesliga gesperrte Leverkusener Lúcio, Emerson, Cafu und Edmilson liefen erst ein bisschen durch den Regen und vertrieben sich dann im Kraftraum die Langeweile. Am Sonntag, als Scolari immerhin elf Spieler zusammen hatte, sorgten dichter Nebel und Dauerregen über dem Trainingsgelände in Theresopolis für eine Absage der ersten Trainingseinheit mit Ball. Aber mit elf Spielern war es im Kraftraum schon nicht mehr ganz so langweilig. Scolari konnte derweil mit seinem Mannschaftsarzt den Krankenstand erörtern. Mittelfeldspieler Roberto Carlos und Stürmer Luizao, an dem Hertha BSC angeblich interessiert ist, werden für das letzte Qualifikationsspiel in der kommenden Woche gegen Venezuela geschont. Und Superstar Ronaldo fällt nach seinem dritten gescheiterten Comeback-Versuch innerhalb von zwei Jahren ohnehin aus. Am Sonntag war der Stürmer in Diensten von Inter Mailand im Spiel gegen US Lecce nach nur drei Ballkontakten und 13 Spielminuten mit einer Oberschenkelzerrung ausgeschieden. Das zweimal operierte Knie ist stabil, aber die von der zweijährigen Pause geschwächten Muskeln halten den explosiven Antritten des vielleicht besten Stürmers der Welt nicht stand.

Zu all den Schwierigkeiten gesellte sich wieder einmal das Problem mit Giovane Elber. Der FC Bayern München hatte seinem verletzten Stürmer die Reise in die Heimat untersagt. Schon beim Konföderationscup und bei der Copa America hatten die Bayern Elber die Freigabe verweigert. Der brasilianische Verband stellte dem Stürmer ein Ultimatum und drohte damit, bei Nichterscheinen Elbers die Fifa einzuschalten. Daraufhin warf dieser dem Verband in einem Telefoninterview mit dem Radiosender Jovem Pan "Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit" vor. "Der CBF hätte das Problem lösen können. Ich habe den Technischen Koordinator Antonio Lopes darum gebeten, dass er mit Bayerns Manager Uli Hoeneß ein Gespräch führt. Aber er wollte nicht." Für Elber besteht das Problem vor allem in fehlender Kommunikation zwischen den Verbänden und Vereinen. "Ich kann selber gar keine Entscheidung treffen, aber am Ende bezahle ich immer für die Probleme anderer Leute. Ich habe die Nase voll, ständig von allen Seiten Prügel zu beziehen. Es fehlt auf beiden Seiten, sowohl bei der Nationalmannschaft wie auch bei Bayern München, an der nötigen Kompetenz."

Scolari steht nun nicht nur unter Sieges- sondern auch unter Zeitdruck. Dabei muss der Trainer für die wichtige Partie in den Anden improvisieren. Da ihm lediglich eine Trainingseinheit mit der kompletten Mannschaft zur Verfügung steht, wird er im wesentlichen die siegreiche Formation aus der letzten Partie gegen Chile beibehalten. Als Rezept gegen die dünne Höhenluft fordert er schnelles Kurzpassspiel. "Nicht wir, sondern der Ball muss laufen." Der Leverkusener Lúcio ist eine feste Größe wie sein Teamkollege Zé Roberto und der Berliner Marcelinho. Alle drei sollen heute in der Startformation stehen.

Scolari ist sich des Ernstes der Lage durchaus bewusst. "Das wird wieder einmal ein Spiel um Alles oder Nichts. Wenn wir uns nicht für die WM qualifizieren, werden wir in die Geschichte als einzige brasilianische Nationalmannschaft eingehen, die es nicht geschafft hat, sich für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren." Trotzdem versuchte er bei all den Widrigkeiten einen kühlen Kopf zu bewahren: "Unser Gegner am Mittwoch ist weder die dünne Höhenluft noch die mangelnde Vorbereitungszeit. Unser Gegner heißt Bolivien."

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