Sport : Sicher ins Ziel

Deutschlands Biathlon-Staffel gewinnt mit einer überragenden Schießleistung die Goldmedaille

Helen Ruwald

Oberhof. Plötzlich bekam Michael Greis noch Probleme. „Ich war unachtsam und bin auf die Fahne getappt, da bin ich gestolpert“, erzählte der Schlussläufer der deutschen Staffel lachend. Doch da hatte er die Ziellinie schon erreicht, Gold war Deutschland nicht mehr zu nehmen. „Dass mir jemand die Fahne gegeben hat, war ein sicheres Zeichen, dass das Ding durch ist“, sagte Greis. Der Aufsteiger der Saison hatte zwar nur die achtschnellste Zeit aller Schlussläufer, doch Norwegens Star Ole Einar Björndalen konnte ihn nicht mehr einholen. Er machte zwar rund eine Minute gut, kam aber 15,7 Sekunden hinter Greis ins Ziel. Frank Luck, Ricco Groß, Sven Fischer und Greis verteidigten den WM-Titel vor Olympiasieger Norwegen und Frankreich. 40 Scheiben mussten die Deutschen am Schießstand insgesamt treffen, nur Greis und Fischer schossen je einmal daneben und mussten nachladen – in der Staffel hat jeder Läufer drei Ersatzpatronen. Erst wer dann noch nicht getroffen hat, muss in die Strafrunde.

„Unglaublich, das ist ein historischer Tag. Das ist die beste Staffel, die wir je gelaufen sind“, jubelte Bundestrainer Frank Ullrich. „Wir hatten uns auf fünf, sechs Fehlschüsse geeinigt. Ich bin erstaunt, dass es nur zwei geworden sind.“ Auch Björndalen, der das Ziel dreimal verfehlte, also öfter als das gesamte deutsche Team, gratulierte: „Deutschland war fantastisch.“ Dass es nach drei Bronzemedaillen in Einzelrennen erneut nicht mit Gold geklappt hatte, war ihm gestern egal. Im Ziel erhielt er eine SMS, dass seine krebskranke Mutter gestorben war.

Während Björndalen trauerte, feierte Oberhof die Weltmeister mit Böllerschüssen. 25 000 Fans in der Rennsteig-Arena und an der Strecke brüllten ihre Begeisterung heraus. Bei jedem Treffer am Schießstand gellte ein „Ahhh“ durchs Stadion. So hörten auch die Zuschauer, die ohne Eintrittskarten hinter einem Drahtzaun mitfieberten, dass sich Großes tat an diesem Freitag, dem 13.

„Ich war aufgeregter als jeder andere. Die Sportler waren abgeklärter als ich“, verriet Ullrich, der für die DDR viermal Staffel-Weltmeister war. Die erste Aufregung legte sich, als der zuletzt formschwache Startläufer Frank Luck beim Schießen fehlerfrei blieb. Als Dritter übergab er an Verfolgungsweltmeister Ricco Groß. Der Rückstand auf Norwegen betrug nur 10,1 Sekunden. Auch Groß machte keinen Fehler, beim Stehendschießen zog er an Lars Berger vorbei. Der junge Norweger, in der Loipe nicht zu schlagen, bewies erneut, dass er ein schlechter Schütze ist – er musste zwei Strafrunden drehen. Norwegen fiel zurück, mit 26,1 Sekunden Vorsprung auf Weißrussland ging Sven Fischer ins Rennen. Im Einzelrennen am Vortag hatte er das Ziel fünfmal verfehlt, gestern musste er nur einmal nachladen. Fischer baute die Führung auf mehr als eine Minute aus. Weißrussland war beim letzten Wechsel Zweiter vor Russland, Norwegen und Frankreich.

Erstaunen hatte Ullrich mit der Entscheidung hervorgerufen, Greis als Schlussläufer zu nominieren und nicht den wesentlich erfahreneren Verfolgungsweltmeister Groß. „Bei Ricco steckt noch was im Hinterkopf“, erklärte Ullrich in Anspielung auf das Weltcuprennen in Oberhof vor einem Jahr. Damals war Groß bei seinem Staffeleinsatz als Schlussläufer vom ersten auf den sechsten Platz zurückgefallen. Greis, Sprint-Fünfter, musste sich gestern gegen die Weltmeister Björndalen und Raphael Poiree behaupten, die beide eine Aufholjagd starteten. Doch der 27-Jährige ließ sich nicht aus der Ruhe bringen – kein Fehlschuss beim ersten Schießen. Die Konkurrenten hingegen mussten nachladen. Mit mehr als einer Minute Vorsprung kam Greis zum Stehendschießen und schoss einmal daneben. Als er mit der ersten Ersatzpatrone traf, riss Frank Ullrich die Arme hoch. Deutschland war Weltmeister.

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