Sport : Sicher ist sicher

Wie sich die Fußball-Bundesligisten gegen Erfolg und Misserfolg schützen und Risiken kalkulierbar machen – ein Überblick

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Wogegen versichern sich Vereine?

Gegen den Abstieg zum Beispiel, wie im Falle Bayer Leverkusens. Schafft ein Verein den Klassenerhalt nicht, muss er Millionenverluste hinnehmen. Die Fernseheinnahmen reduzieren sich drastisch, die Sponsoren überweisen weniger Geld, mitunter jedoch kassieren die Profis gleich viel Gehalt wie in der Ersten Liga. Auch Erfolg kann teuer werden. So sichern sich Vereine gegen allzu große Treffsicherheit ab. Wenn ein Klub Titel holt oder aufsteigt, sind hohe Prämien fällig, außerdem erhöhen sich die Spielergehälter. Ein Verein mit knapp kalkuliertem Etat kann im Falle eines unerwarteten Aufstieges mit einer solchen Versicherung die entstehenden Zusatzausgaben finanzieren. PrizeIndemnity-Versicherungen hat die Branche solche Vorsorgen gegen Erfolg oder Misserfolg getauft. Gängig sind bei den Bundesligisten zudem Versicherungen gegen verletzungsbedingte Ausfälle. Manche Klubs sichern sich gar gegen Todesfälle ab.

Wer versichert sich?

Häufig sind es nicht die Vereine, die sich versichern, sondern deren Vermarkter. Als Borussia Dortmund in der Saison 1999/2000 überraschend in Abstiegsgefahr geriet, trat der Vermarkter Ufa an eine Versicherung heran, um sich gegen Werbeverluste abzusichern. Auch im Fall ihres Vertragspartners Hamburger SV wurde die Ufa aktiv. Vor der Saison 1997/98 schloss sie mit einer Versicherung einen Drei-Jahres-Vertrag ab. Bayer Leverkusen versicherte sich im Spätherbst 2002 zusätzlich gegen einen Verlust der Einnahmen durch den Trikotsponsor.

Es legen jedoch nicht alle Vereine großen Wert auf eine Risikominimierung durch Versicherungsabschlüsse. Dirk Dufner, Sportdirektor des TSV 1860 München, sieht darin kein günstiges Kosten-Nutzen-Modell. „Wir haben in der Vergangenheit etwa mit der Versicherung gegen Verletzungen einzelner Spieler keine guten Erfahrungen gemacht, für uns hat sich ein Abschluss bislang nie ausgezahlt.“ Eine Versicherung gegen den Abstieg sei derzeit kein Thema. „Wir leisten uns die Arroganz zu sagen: Wir stecken das Geld, das wir an die Versicherung zahlen müssten, lieber in den Kader.“ Gleichwohl schließt Dufner eine solche Versicherung für die Zukunft nicht aus. Der Stadionneubau bedeute eine wirtschaftliche Belastung für 1860, die nach einem Abstieg kaum zu bewältigen wäre. Die große Risikobereitschaft der Münchner ist exemplarisch für die Einstellung der meisten Bundesligisten. Kaiserslauterns Vorstandschef Rene C. Jäggi sagt: „Wir haben keine Versicherung und haben darüber auch nicht nachgedacht.“ Auch der VfB Stuttgart will nichts von einer Versicherung gegen den Abstieg wissen: zu teuer.

„Gerade die großen Vereine gehen ein großes Risiko ein, sie tun dies aber bewusst“, sagt Jürgen Görling, Geschäftsführer der Hamburg-Mannheimer Sports, einer der führenden Versicherungen auf dem deutschen Sportmarkt. „Es ist vergleichbar mit der Absicherung gegen Naturkatastrophen. Die Wahrscheinlichkeit eines Schadens ist gering, aber die Auswirkungen sind im Schadensfalle drastisch.“ Auch die Spieler versichern sich inzwischen. Allein bei den Hamburgern haben sich bereits rund 200 Profis gegen die finanziellen Folgen eines plötzlichen Karriereendes abgesichert. Die Gesamtversicherungssumme dafür beträgt 250 Millionen Euro. Parallel hat sich die Mehrheit der Erstligisten gegen den Ausfall ihrer Leistungsträger zusätzlich abgesichert.

Wie hoch sind Versicherungspolicen?

Dies hängt vor allem vom Zeitpunkt des Abschlusses ab. Je später in einer laufenden Saison ein Verein oder ein Vermarkter reagiert, desto höher werden die Prämien. Wer erst eine Police abschließt, wenn die Abstiegsgefahr akut ist, muss damit rechnen, dass er 35 bis 50 Prozent der Versicherungssumme als Prämie bezahlen muss. Handelt ein Verein schon vor Saisonbeginn, liegen die Prämien deutlich darunter – bei etablierten Vereinen bei rund 10 bis 15 Prozent.

Wann lehnt eine Versicherung ab?

Wenn das Risiko bei einem Verein zu groß ist, das angepeilte Ziel zu verfehlen, bleiben die Agenturen auf Distanz. Für einen klaren Abstiegskandidaten ist es unmöglich, eine Versicherung zu finden, die beim Verfehlen des Klassenerhalts große Summen zuschießt. „Wir haben uns mit dem Thema beschäftigt, es aber ziemlich schnell ad acta gelegt“, sagt Dieter Krein, Präsident von Cottbus. „Für uns würde eine Versicherung viel zu viel Geld kosten. Für Champions-League-Teilnehmer ist ein solcher Posten bezahlbar, wir dagegen könnten zum Beispiel unseren Trainer nicht mehr bezahlen, wenn wir eine solche Zusatzbelastung hätten.“ Vereine wie Cottbus erhalten nur dann annehmbare Kontrakte, wenn die Versicherung mindestens ein halbes Dutzend potenzielle Absteiger unter Vertrag hat. In diesem Fall kann die Versicherung damit rechnen, dass maximal drei Vereine absteigen und somit ein Prämienüberschuss erwirtschaftet wird.

Wie üblich sind Versicherungen gegen Erfolg oder Misserfolg im Fußball?

Im Ausland, vor allem in England oder in Spanien, sind sie fester Bestandteil des Geschäfts, der deutsche Markt ist im Vergleich weit weniger erschlossen. Es gibt kein Unternehmen, das allein mit Bundesligisten solche Prize-Indemnity-Verträge abgeschlossen hat. Nur eine deutsche Versicherung befasst sich in größerem Maße mit solchen Versicherungen: die Hannover Rück. Allerdings investiert dieses Unternehmen auch in ausländische Klubs. Als internationaler Marktführer gilt Lloyd’s. Die Londoner Firma ist weltweit engagiert.

Welche Vorsorge haben die Berliner Vereine getroffen?

Das Sicherheitsbedürfnis von Hertha BSC ist beschränkt. „Wir haben uns lediglich mit einer Veranstaltungshaftpflichtversicherung und einer gegen dauerhafte Spielunfähigkeit einzelner Akteure versichert“, sagt Geschäftsführer Ingo Schiller. Zudem seien dem Verein Modelle vorgelegt worden, die kleinere wirtschaftliche Verluste ausgleichen würden. Einem Vertrag zufolge würde Hertha etwa eine Auszahlung erhalten, wenn bei einem Spiel nur 20 000 statt der erwarteten 50 000 Zuschaeur kommen.

Der 1. FC Union hat nur indirekt mit Versicherungspolicen zu tun. „Einige unserer Sponsoren haben sich gegen unseren Erfolg versichert, so dass sie keine hohen Erfolgsprämien zahlen müssen“, sagt Präsident Heiner Bertram. Sponsorenzahlungen werden somit kalkulierbarer. „Wir selbst sind weder gegen Erfolg noch Misserfolg versichert.“

Ist die Versicherungsbranche in der Bundesliga ein Wachstumsmarkt?

Vor einigen Jahren noch sah es so aus, als sollte sich das Prämienaufkommen vervielfachen, weil die Versicherer mit einer relativ geringen Schadensquote rechneten und den Vereinen daher günstige Angebote unterbreiten konnten. „Nach dem 11. September jedoch ist die Branche gewaltig durcheinander gewirbelt worden. Seitdem konzentrieren sich die Versicherer wieder auf noch überschaubarere Risiken“, sagt Jürgen Görling. Im Fußballbereich spielt die Versicherung der Austragung von Spielen und von TV-Übertragungen eine größere Rolle. Als im letzten Jahr bei einer Uefa-Cup-Übertragung der ARD zehn Minuten das Bild ausfiel, musste die Hamburg-Mannheimer mehr als 100 000 Euro zahlen, weil die Werbebanden nicht zu sehen waren. Sollte eine Übertragung des Champions-League-Endspiels nicht funktionieren, würde ein Betrag von rund 20 Millionen Euro fällig.

Was waren bisher spektakuläre Versicherungsfälle?

Die Gesundheit ist für Fußballer das höchste Gut. Rund 50 Millionen Euro ist die des aktuellen Weltfußballers Ronaldo wert. Der Brasilianer, der häufiger Probleme mit seinem Knie hatte, ist gegen Berufsunfähigkeit versichert.

Sieben Millionen Mark hat Arminia Bielefeld am Ende der Saison 2000/01 bekommen. Eine Erfolgsprämie war das nicht. Der Zweitligist hatte sich für den Fall versichert, dass die Mannschaft nicht aufsteigt.

Von unseren Korrespondenten Frank Bachner, Christoph Bertling, Daniel Pontzen, Klaus Rocca und Michael Rosentritt.

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